Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn

 

 

Ulrich Clement

Systemische Sexualtherapie

 

Klett Cotta 2004, 28 €

 

Zu einer Eheberatung oder Paartherapie ist der Blick auf die Gestaltung der Sexualität zwingend notwendig, denn diese führt in 64% zu heftigen Konflikten. -Nebenbei bemerkt, es geht dabei nicht um außereheliche sexuelle Beziehungen, denn diese rangieren erst an 19. Stelle in der seit mehr als 20 Jahren stabilen Hitliste der 23 zu häufig heftigen unlösbaren Auseinandersetzung führenden Themen. -  In Folge ihrer Untersuchungen entwickelten Masters und Johnson in den sechziger Jahren ein Konzept zur Überwindung der Angst vor sexuellen Funktionsstörungen. Dieses wurde von der Hamburger Arbeitsgruppe um Gunther Schmidt durch die Einbeziehung psychodynamischer und paardynamischer Aspekte erweitert. Wegen einer Veränderung des Störungsbildes in den letzten 30 Jahren - von den Erregungs- und Orgasmusstörung hin zur sexuellen Lustlosigkeit setzt sich Clement sehr kritisch mit diesem therapeutischen Ansatz auseinander. Insbesondere beklagt er, dass in diesem Modell der Defizit, also zum Beispiel die fehlende Erektion im Vordergrund steht und eine Hypothesenbildung um den Mangel her um stattfindet. Er dagegen stellt ein Modell des Begehrens dagegen, dessen Leitunterscheidung von einer Können/Nicht-können zu einer des Wollens/Nicht-wollens geschieht. In dieser geht es darum, dass es sich bei einem Paar um zwei Individuen handelt, mit einer eigenen Geschichte mit einer eigenen Identität. Wird genau diese zu Gunsten einer partnervalidierten

 Intimität aufgegeben - die Andersartigkeit des Partners wird durch Harmonieerwartungen kontrolliert - hat dies durch mangelnde Attraktivität Lustlosigkeit zufolge. Steht dagegen eine selbstvalidierte Intimität - "Du brauchst dem, was ich jetzt sage, nicht zuzustimmen. Vielleicht findest du mich danach auch furchtbar und unmöglich. Es aber wichtig, dass du es weißt. Ich will mit dir zusammen sein, aber ich will auch, dass du weißt, wer ich bin." - bleibt der andere attraktiv und damit sexuell anziehend. Verkürzt zielt systemische Sexualtherapie, als eine Paartherapie des Begehrens, auf eine Arbeit an der Expression des Einzelnen im Angesicht des anderen. Und diese Expression bezieht sich nicht nur auf die Gestaltung der Sexualität sondern auf das gesamte Miteinander eines Paares.

Bedenkt man einmal, dass auch bei sonst mit ihrer Ehe zufriedenen Paaren, die Gestaltung der Sexualität insbesondere bei den Männern zu häufiger Unzufriedenheit führt, bedeutet dieser therapeutische Ansatz eine große Bereicherung.

Dr. Rudolf Sanders

 

 

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