Birgit Dechmann & Christiane Ryffel

 

Vom Ende zum Anfang der Liebe. Ein Leitfaden für die systemische Beratung und für Paare, die zusammen bleiben wollen. Beltz Verlag. Weinheim 2001, 18 €

 

Dieses Buch hat mich gefesselt, sowohl als er Berater, der täglich Paaren gegenübersitzt, die keine Perspektiven in ihrer Beziehung mehr sehen, als Wissenschaftler, der versucht, Gesetzmäßigkeiten zu finden, die eine Ehe gelingen lassen und als Ehemann, der seit 25 Jahren viele Höhen und Tiefen durchlebt hat. Was macht dieses Buch so spannend?

Zunächst muss man sagen, dass es von zwei Frauen geschrieben worden ist und somit vielleicht neben der wissenschaftlich soziologischen und psychologischen Zugangsweise auch eine ganz spezielle feminine das Buch kennzeichnet. Dann greifen die Autorinnen ein Thema auf, dass wir selten in paartherapeutischer Literatur finden, das Thema der Liebe. Sie gehen davon aus, dass in unserer Kultur die romantische Liebe als Leitkonzept dient. Sehr schlüssig zeigen sie auf, wie dieses Konzept keine tragfähige Basis für die systemischen Anforderungen eines Ehepaares sein kann. So ist in dem romantischen Konzept von ewiger und unveränderbarer Liebe die Rede. Diese aber wird etwa von der systemischen Herausforderung in Frage gestellt, der Fähigkeit, sich an interne Veränderungen anzupassen.

Eine Vision hat tatsächlich etwas von dieser zeitlosen, immer gleich schön Qualität. Reale Beziehungen hingegen befinden sich in ständigem Fluss: Mann und Frau altern, verändern ihre Einstellungen und ihre Erwartungen an den anderen. Und mit jedem neuen Mitglied, dass das System vergrößert (z.B. ein Kind) oder verkleinert (z.B. durch den Auszug eines Kindes) verändert sich auch das „Spielfeld“. So ist ein Paar immer wieder herausgefordert, Struktur und Regeln des Gesamtsystems den neuen Gegebenheiten anzupassen. Sind aber die Erwartungen aneinander von anspruchsvollen Glücksvorstellungen eines romantischen Paradigmas geprägt, wird der allnächtlich schreiende Säugling zum Störenfried dieses Glücks.

Die Autorinnen begleiten in diesem Buch ein Paar vom ersten Kennenlernen über die Verliebtheitsphase, und die Herausforderungen durch Kinder und Beruf über die Enttäuschungen, die Außenbeziehungen und zeigen auf, wie beide sich durch Transformationsprozesse zu Menschen entwickeln können, die ein liebesfähiges Selbst aufbauen. Die Entwicklungsgeschichte dieses Paares wird untermauert mit Informationen aus der Forschung und Hinweise für Beraterinnen.

Elemente, die unter den heutigen Lebensbedingungen eine Beziehung gelingen lassen, die ein Paar vom Ende zum Anfang der Liebe wachsen lassen, stellen die Autorinnen an Hand eines Paradigmapuzzles zu den einzelnen Entwicklungsschritten vor. So etwa kommt an den Punkt, an dem ein Paar spürt, dass sein bisheriges romantisches Konzept nicht trägt, die nüchterne Feststellung, dass man in einer Beziehung keinen Anspruch auf Liebe hat, dass man allerdings ein Recht auf Würde jederzeit einfordern kann. So ist das Wahren der persönlichen Würde unabdingbar, um die eigene Selbstachtung aufrechterhalten zu können. Dieses gilt ganz besonders für enge Paarbeziehungen, in denen die Gefahr besteht, Vertrautheit mit Respektlosigkeit zu verwechseln.

Dieses Buches ist für alle diejenigen geeignet, die sich nicht vorschnell mit den Vorgaben einer Ex- und Hoppgesellschaft abfinden wollen und die sich Gedanken darüber machen, was eine Beziehung gelingen lässt.

 

Dr. Rudolf Sanders

 

 Dr. Rudolf Sanders

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