Vom Ende
zum Anfang der Liebe. Ein Leitfaden für die systemische Beratung und für Paare,
die zusammen bleiben wollen. Beltz Verlag. Weinheim 2001, 18 €
Dieses Buch hat mich gefesselt, sowohl als er Berater, der
täglich Paaren gegenübersitzt, die keine Perspektiven in ihrer Beziehung mehr
sehen, als Wissenschaftler, der versucht, Gesetzmäßigkeiten zu finden, die eine
Ehe gelingen lassen und als Ehemann, der seit 25 Jahren viele Höhen und Tiefen
durchlebt hat. Was macht dieses Buch so spannend?
Zunächst muss man sagen, dass es von zwei Frauen geschrieben
worden ist und somit vielleicht neben der wissenschaftlich soziologischen und
psychologischen Zugangsweise auch eine ganz spezielle feminine das Buch
kennzeichnet. Dann greifen die Autorinnen ein Thema auf, dass wir selten in
paartherapeutischer Literatur finden, das Thema der Liebe. Sie gehen davon aus,
dass in unserer Kultur die romantische Liebe als Leitkonzept dient. Sehr
schlüssig zeigen sie auf, wie dieses Konzept keine tragfähige Basis für die
systemischen Anforderungen eines Ehepaares sein kann. So ist in dem
romantischen Konzept von ewiger und unveränderbarer Liebe die Rede. Diese aber
wird etwa von der systemischen Herausforderung in Frage gestellt, der
Fähigkeit, sich an interne Veränderungen anzupassen.
Eine Vision hat tatsächlich etwas von dieser zeitlosen,
immer gleich schön Qualität. Reale Beziehungen hingegen befinden sich in
ständigem Fluss: Mann und Frau altern, verändern ihre Einstellungen und ihre
Erwartungen an den anderen. Und mit jedem neuen Mitglied, dass das System
vergrößert (z.B. ein Kind) oder verkleinert (z.B. durch den Auszug eines
Kindes) verändert sich auch das „Spielfeld“. So ist ein Paar immer wieder
herausgefordert, Struktur und Regeln des Gesamtsystems den neuen Gegebenheiten
anzupassen. Sind aber die Erwartungen aneinander von anspruchsvollen
Glücksvorstellungen eines romantischen Paradigmas geprägt, wird der
allnächtlich schreiende Säugling zum Störenfried dieses Glücks.
Die Autorinnen begleiten in diesem Buch ein Paar vom ersten Kennenlernen über die Verliebtheitsphase, und die
Herausforderungen durch Kinder und Beruf über die Enttäuschungen, die
Außenbeziehungen und zeigen auf, wie beide sich durch Transformationsprozesse
zu Menschen entwickeln können, die ein liebesfähiges Selbst aufbauen. Die
Entwicklungsgeschichte dieses Paares wird untermauert mit Informationen aus der
Forschung und Hinweise für Beraterinnen.
Elemente, die unter den heutigen
Lebensbedingungen eine Beziehung gelingen lassen, die ein Paar vom Ende zum
Anfang der Liebe wachsen lassen, stellen die Autorinnen an Hand eines Paradigmapuzzles zu den einzelnen Entwicklungsschritten
vor. So etwa kommt an den Punkt, an dem ein Paar spürt, dass sein bisheriges
romantisches Konzept nicht trägt, die nüchterne Feststellung, dass man in einer
Beziehung keinen Anspruch auf Liebe hat, dass man allerdings ein Recht auf
Würde jederzeit einfordern kann. So ist das Wahren der persönlichen Würde
unabdingbar, um die eigene Selbstachtung aufrechterhalten zu können. Dieses
gilt ganz besonders für enge Paarbeziehungen, in denen die Gefahr besteht,
Vertrautheit mit Respektlosigkeit zu verwechseln.
Dieses Buches ist für alle diejenigen geeignet, die sich
nicht vorschnell mit den Vorgaben einer Ex- und Hoppgesellschaft
abfinden wollen und die sich Gedanken darüber machen, was eine Beziehung
gelingen lässt.
Dr. Rudolf Sanders
Dr. Rudolf Sanders
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