Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der
Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
Günther Deegener
Kindesmissbrauch - erkennen, helfen,
vorbeugen.
Beltz, Psychologische
Verlags Union. 1998, Weinheim
Diese Besprechung entstand auf dem
Hintergrund, dass ich selbst Betroffene bin. Allerdings wurde ich nicht in
meiner Kindheit sexuell missbraucht, sondern als erwachsene Frau, in der
Position einer Patientin zu ihrem Arzt/Therapeuten. Dieses Buch hat neben
vielen Gesprächen einen großen Beitrag zur Bewältigung meiner Geschichte
geleistet.
Unter sexuellem Missbrauch von Kindern
versteht man jede Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den
Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund seiner
Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Die Missbraucher nutzen ihre
Macht- und/oder Autoritätsposition aus, um ihre eigenen Bedürfnisse auf Kosten
der Kinder zu befriedigen.
Für mich als Betroffene war es sehr wichtig,
dass nach Einführung in das Thema durch vielfältige Statistiken, der Geschichte
des sexuellen Missbrauchs und den gesellschaftlichen Hintergründen, im
Mittelpunkt des Buches zunächst die Opfer stehen. Ich habe mich nach der langen
Zeit des Schweigens in vielen Aussagen sowohl der Opfer, die immer wieder
zitiert werden, als auch des Autors wiedergefunden.
Warum gibt es eine so hohe Dunkelziffer
nicht nur im Bereich des Kindesmissbrauchs, sondern auch bei der Vergewaltigung
von erwachsenen Frauen? Viele Opfer schweigen aus Angst den Missbrauch durch
Provokation und durch eigenes Handeln herbeigeführt zu haben und dadurch selbst
moralisch verurteilt und bestraft zu werden (Verlust von Familie, Freunden
etc.). Ja, sie fühlen sich sogar mitschuldig und mitverantwortlich, da sie
ungewollt sexuelle Erregung beim Missbraucher ausgelöst haben und dabei
womöglich noch selbst angenehme körperliche Empfindungen hatten.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass oft
zwischen Tat und "Geheimnisverrat" eine lange Zeit vergeht. Die
Erkenntnis, missbraucht worden zu sein, und die damit verbundene Bewältigung stellt sich oft als schwierig heraus, da das Gespräch eine
große Überwindung des Schamgefühls bedeutet. Der Autor versteht es mit vielen
Beispielen die Folgen des Missbrauchs und die damit verbundenen Gefühle der
Missbrauchten darzustellen. Die wichtigsten sind Angst vor Bedrohung oder vor
bestimmten Menschen (z.B. Männern im Allgemeinen), Schlafstörungen/Alpträume,
depressive Reaktionen, ein geringes Selbstwertgefühl, sozialer Rückzug
(Kontaktschwierigkeiten), körperliche Reaktionen (z.B. Schmerzen,
Erstickungsanfälle) und die immer wieder kehrenden Erinnerungen.
Bevor der Autor die Seite des Täters
betrachtet, gibt er Hinweise zur Gesprächsführung mit den Missbrauchten. Der
Kern hierbei ist: Das Opfer nicht als Zeugen zu verhören, sondern bei der
Wahrheitsfindung die Bedürfnisse und Konflikte der missbrauchten Personen zu
erfragen und dabei immer wieder klar zu machen: "Du bist nicht alleine und
Schuld und Verantwortung liegen nicht bei dir!".
Meine eigene Geschichte konnte ich auch gut wiederfinden in der Schilderung der Täter. Sexuelle
Missbraucher gehen mit einer gewissen Strategie vor: Sie suchen oft bestimmte
Opfertypen, bauen eine "vertrauensvolle Freundschaft" auf, durch
immer mehr Körperkontakt beginnt eine schrittweise Sexualisierung der
Beziehung. Die Täter versuchen auch das Vertrauen nahestehender
Personen der Missbrauchten zu gewinnen. Er nutzt die Bedürftigkeit des Opfers
aus und schiebt ihm sogar noch eine "Mitschuld" zu, in dem er
verschiedene Behauptungen aufstellt, wie z.B.: "Du hättest doch schon am
Anfang nein sagen können!" oder "Du hast dich ja nicht
gewehrt!". Dies wird auch noch durch Geschenke unterstützt. In vielen
Fällen wehrt der Missbraucher nach erfolgter Anzeige die Verantwortung ab. Er
will durch bewusstes Lügen, sein positives Bild in der Öffentlichkeit wahren.
Das Bild der Geschichte wird verzerrt, indem das ganze z.B. als Verhältnis
dargestellt wird.
Im abschließenden Teil des Buches schildert
der Autor mögliche Maßnahmen zur Vorbeugung des sexuellen Missbrauchs von
Kindern: sozialpolitische Forderungen, Präventionsprogramme für Kinder im
Erziehungsalltag, in Kindergarten und Schule. Abschließend finden Betroffene
Hilfen zur Anzeigenerstattung, eine Aufklärung über die Rechte und Pflichten
von Eltern und Kindern sowie eine ausführliche Liste von Anlauf- und
Beratungsstellen.
(Ende der Buchbesprechung)
Zehn Monate später schrieb die Klientin folgendes zu ihrem Klärungs- und
Bewältigungsprozess. Ausgangspunkt paartherapeutische Beratung zu suchen war
seinerzeit ein "endgültiger Zusammenbruch".
Mein Weg der Heilung
Mein endgültiger Zusammenbruch war die Folge
einer Zeit der Überforderung durch meine Familie und des Schweigens über eine
Geschichte, die ich vor 5 Jahren erleben musste. Mein Hausarzt hatte mir Hilfe
angeboten, als ich mit meinen Kräften wieder mal am Ende war. Seine sogenannte Hilfe endete damals im sexuellen Missbrauch.
Jahre später ruft ihn mein Mann zur ärztlichen Hilfe, als ich den Zusammenbruch
hatte. Und dieser Arzt steht jetzt plötzlich nach Jahren in meinem Schlafzimmer
und will mir wieder helfen. Ich reagiere schreiend und werfe ihn lautstark
hinaus, nehme aber seine Hilfe in Form von Tabletten an.
Im anschließenden Gespräch mit meinem Mann
erkläre ich ihm durch wage Andeutungen den Grund
meiner Reaktion, über das was vor einigen Jahren geschehen war. Als Ergebnis
unseres Gespräches entschlossen wir uns, eine gemeinsame Therapie zu machen.
Mein Mann nahm dann Kontakt mit unserem späteren Therapeuten auf und wir hatten
unser Erstgespräch.
Trotzdem es ein männlicher Therapeut ist,
hatte ich vom 1. Treffen an Vertrauen und ein gutes Gefühl, zusammenarbeiten zu
können. 4 Wochen später fuhren wir zu einer 1. Gruppentherapie im Rahmen eines
paartherapeutischen Basisseminars. In dieser Woche bleibt meine Geschichte des
sexuellen Missbrauchs fast unberührt. Doch ich lerne und erkenne, in welcher
Enge wir als Paar leben und schaffe es, einen Teil Ballast aus meiner Kindheit
abzuwerfen: Ich spüre, welche Lebendigkeit in mir steckt.Ein
weiterer wichtiger Schritt ist, dass ich mich soweit besser fühle, dass ich
keine Tabletten mehr brauche.
Wieder zu Hause stürze ich mich in meine
Geschichte des Missbrauchs. Endlich kann ich davon erzählen, auch wenn ich mich
zunächst wie eine Verräterin fühle, denn dieser Arzt hatte mir auferlegt, das
Geheimnis zu bewahren. Ich male die Bilder, die mich in meinen Träumen quälen,
ich versuche das Schuldgefühl abzulegen, unsere Beziehung zerstört zu haben; in
vielen Gesprächen mit dem Therapeuten wird mir immer klarer: ich wurde
missbraucht. Das obige Buch, dass ich mehrmals lese,
lässt mich mein Erlebtes begreifen. Im Rahmen eines Paarseminars zum Thema
"Lebendigkeit, Sinnlichkeit und Sexualität" breche ich auch das
Schweigen gegenüber anderen und berichte von meinem Missbrauch. Ich erfahre
auch an diesem Wochenende, dass ich mich als Frau versteckt habe, verstecken
musste. In den nächsten Monaten entdecke ich zunehmend, wie schön es ist, eine
Frau zu sein.
Doch zunächst falle ich immer wieder in
tiefe Löcher: Die schrecklichen Bilder des Missbrauchs verfolgen mich, aber
auch die erlebten, positiven körperlichen Gefühle lassen mich nicht los. Ein
rechtliches Vorgehen gegen diesen Arzt muss mangels "objektiver
Beweise" wieder verworfen werden.Ich versuche
nicht mehr jeden Tag meines Lebens als Kampf mit mir, meinem Mann, meinen
Kindern und der Großfamilie zu sehen, sondern zu einer Leichtigkeit zu kommen
und Dinge für mich zu tun. Es macht mir wieder Freude, Sport zu treiben und
ohne meine Familie auszugehen.Inzwischen habe ich
auch engen Freunden von meinem Missbrauch erzählen können und bin dabei nicht
wie befürchtet auf Anklagen oder Ablehnung gestoßen, sondern auf sehr viel
Mitgefühl. 2 Wochen intensives Paarseminar mit den Schwerpunkten
"Autonomie und Zweisamkeit" bringen mich und uns als Paar viele
Schritte weiter.
Wir erleben uns beide in einer wohlwollenden
Gruppenatmosphäre mit unseren Kindern. Wir genießen die Zeit zusammen als Paar
und als Familie, aber wir können auch sehr gut einander eigene Wege und
voneinander unabhängige Erfahrungen machen lassen. Wir erleben uns neu und
spüren, welche Liebe uns verbindet ohne zu fesseln. Ich erfahre, welch starke
und attraktive Frau ich bin.
In der Gruppe von dem Missbrauch zu
erzählen, fällt mir nicht mehr so schwer. Es wird mir aber zugleich klar, dass
es über den Missbrauch hinaus zu Gewaltanwendung und damit auch zu einer
Vergewaltigung gekommen ist.
Viele Gedankenanstöße haben mich über das
Seminar hinaus beschäftigt und haben bereits zu Verhaltensänderungen
geführt, die unser Zusammenleben verändern. Andere Fragen sind offen geblieben
und ich werde in den nächsten Monaten/Jahren vielleicht Antworten finden.
Doch sicher ist, dass ich es in diesem
ersten Jahr intensiver Arbeit geschafft habe, mein Leben besser in den Griff zu
bekommen.
N.N. (Name der Autorin ist Dr. Rudolf Sanders bekannt)
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