Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der
Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
Peter
Fiedler
Dissoziative Störungen und Konversion.
Beltz,
Psychologische Verlags Union. 1999, Weinheim,
In psychotherapeutischer und beraterischer
Praxis gelten dissoziative Störungen als
Hauptsymptomatik vieler psychischer Auffälligkeiten, die Menschen infolge
traumatischer Erfahrungen entwickeln. Diese Störungen zeigen sich darin, dass
Menschen sich nicht mehr erinnern können, ohne dass dies durch gewöhnliche
Vergesslichkeit erklärt werden könnte oder dass sie über ihre eigene Identität
verwirrt wären. Es kann auch geschehen, dass solche Menschen zwei oder mehr
unterscheidbare Identitäten oder Persönlichkeitszustände entwickeln, die
wiederholt die Kontrolle über das eigene Verhalten übernehmen. Bei anderen
kommt es zu einem ständigen oder wiederholt auftretenden Gefühl von Losgelöstsein von der eigenen Person oder vom Körper, wobei
die Realitätskontrolle intakt bleibt.
Da die meisten dissoziativen
Störungen früher als verschiedene "neurotische" Symptome der
"Hysterie" aufgefasst wurden, gibt Fiedler aus einer
geschichtlichen Perspektive eine ausführliche Übersicht über den Bedeutungswandel
der Hysterie-Diagnose. Dabei lässt er auch nicht außer Acht, dass die meisten
zum Thema Hysterie sich äußernde Autoren Männer sind, die in der Regel Frauen
mit diesem Etikett belegen. Deutlich wird an dieser Geschichtsschreibung, dass
mehr über den Begriff gestritten als sachlich diskutiert wurde.
Bei den Beschreibungen der einzelnen
Störungen, bei deren Verständnis und deren Behandlungsansätzen sind zwei
Haltungen des Autors Fiedler wie ein roter Faden zu beobachten. Da ist
zum einen die Wertschätzung für diese vom betroffenen Klienten entwickelte
Störung, welche die Dissoziation als protektiven
Faktor ansieht, um in unentrinnbaren Situationen schweren Stress zu bewältigen.
So macht die Störung einen Sinn und die Amnesie hat eine Schutzfunktion, sie
ermöglicht das Alltagsleben zu leben.
Zum zweiten warnt Fiedler sehr
eindringlich davor, durch Deutung, Traumanalysen oder suggestive Fragen mit dem
Ziel einer Aufarbeitung der Vergangenheit falsche Erinnerungen zu generieren,
die den Betroffenen und ihrer Umwelt zum Schaden gereichen können. So schildert
er ausführlich das "False-Memory-Syndrom",
bei dem es passieren kann, dass durch intensives Nachfragen und Deuten des
Beraters z.B. in Richtung sexuellen Missbrauchs in der Kindheit ein solcher Missbrauch
erinnert wird, obwohl dieser nachweislich nie stattgefunden hat.
In seinem Epilog spricht sich der Autor
ausdrücklich für Protektion in der Therapie statt Induktion von Regression aus.
Ihm ist es wichtig, dass therapeutische Narrative (als Berichte über die persönlich Vergangenheit) mehr der aktuellen kognitiven
Entwicklung entsprechen und dem Aufbau und Erhalt von Selbstsicherheit in der
Gegenwart und von Vertrauen in die Zukunft dienen. Dabei mögen
die Narrative subjektiv als Referenz für die persönliche Vergangenheit gelten,
objektiv glaubwürdige Repräsentanten sind sie aber nicht.
Deutlich grenzt Fiedler sich von der
Psychoanalyse ab, indem er sagt, dass das Ziel therapeutischer Arbeit nicht so
sehr die Rekonstruktion von Vergangenheit ist, sondern die Integration der
Person mit Blick auf ihre Gegenwart und Zukunft. Dies muss um den durchaus
akzeptierbaren Preis geschehen, dass Geschichten über die Vergangenheit zwar
integrative Funktionen mit Blick auf Gegenwart und Zukunft besitzen, jedoch nicht
immer eine wahrheitsgemäße Ausdeutung der Vergangenheit implizieren.
Wem nutzt nun diese wissenschaftliche
Abhandlung, die mit einer Fülle an Fallbeispielen sehr anschaulich und
übersichtlich gestaltet ist? Eheberater könnten zum Beispiel der Aufarbeitung
der Vorgeschichte eines Paarkonfliktes weniger Bedeutung beimessen und
stattdessen lösungsorientiert in die Zukunft blicken. Wenn sie mit den Partnern
die Kindheitsgeschichte "durcharbeiten", dann mit der Intention,
plausible Erklärungen zu finden, wie heutiges dysfunktionales Verhalten in der
Beziehung als frühe Kompetenz der Klienten interpretiert werden kann,
die ihnen half, in ihrer Herkunftsfamilie zu bestehen. So wird das
dysfunktionale Verhalten immer weniger stören, es wird integrierbar und der Blick
auf das Bewältigen, auf neues Lernen, offen.
Dr. Rudolf Sanders
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