Besprechung aus: Beratung Aktuell,
Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag
Paderborn
Peter Fiedler,
Integrative
Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen. Hogrefe Verlag. Göttingen 2000,
Patienten
mit Persönlichkeitsstörungen sehen sich
wegen der zumeist gegebenen Ich-Syntonie eher selten
veranlasst, von sich aus um therapeutische oder praktische Hilfe nachzusuchen.
Sie finden sich und ihr Verhalten meist völlig normal, „wenn nur die
anderen.....“ Hier genau steckt das Problem, das Interaktionspartner,
insbesondere Familienmitglieder oder Ehepartner im Miteinander mit den
Betroffenen erleben. Auch wenn sich in Partnerschaften häufig persönliche Eigenarten
kompensieren und ergänzen, können die Partner hier an ihre Grenzen geraten und
deshalb Ehe - oder Partnerschaftsberatung aufsuchen. Für diese Berufsgruppe der
Ehe-, Familien- und Lebensberater bietet das Buch von Peter Fiedler eine wichtige Hilfe, auch wenn es nicht auf deren
Sichtweise abhebt, um zu verstehen, was vor ihren Augen in der Konflikthaftigkeit eines Paares abläuft. Gleichzeitig gibt Fiedler Perspektiven, wohin die
beraterische Arbeit sich entwickeln muss. Ausgehend von einem bedürfnistheoretischen
Circumplex-Modell der Persönlichkeit, der
Persönlichkeitsstile und Persönlichkeitsstörungen beschreibt er, was eine
gesunde Persönlichkeit ausmacht und wodurch ein funktionaler
Persönlichkeitsstil gekennzeichnet ist.
Hinsichtlich
des therapeutischen Vorgehens spricht er sich dafür aus, phänomen- und
störungsspezifisch vorzugehen und die Einzigartigkeit, mit der uns Klienten
begegnen, nicht vorschnell aus dem Auge zu verlieren. Deshalb ist für ihn eine
Integrative Psychotherapie durch den Prozess eines kontinuierlich notwendigen
Problemlösens gekennzeichnet, in dem für verschiedene Patienten
unterschiedliche Behandlungsalternativen zur Verfügung stehen. So trägt eine
ätiologietheoretische Begründung des psychotherapeutischen Vorgehens,
orientiert an der Störung und am Phänomen, zur Überwindung der wechselseitig
ausgrenzenden Schulenkonkurrenz in der Psychotherapie und auch in der Beratung
bei. Dann werden Analytiker an Verhaltenstherapeuten, Berater an
Psychotherapeuten und umgekehrt überweisen, weil sie um das spezifische Können
des anderen wissen und sich selbst nicht für Alleskönner halten.
Ausführlich werden differenzielle Indikationen
für die einzeln Persönlichkeitsstörungen vorgestellt
und die entsprechenden schulenorientierten Vorgehensweisen vorgeschlagen.
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass sich
Persönlichkeitsstörungen entscheidend auf die Qualität der persönlichen
Beziehungen zu anderen Menschen auswirken. Sie können Freundschaften und
Partnerschaften sowie das familiäre Zusammenleben stark ungünstig beeinflussen.
Fiedler geht weniger von einem
Defizitkonzept psychischer Störungen aus. Deshalb hat er nicht den Anspruch
auf Veränderung oder gar Heilung. Es
geht ihm primär nicht um eine Symptomlinderung, sondern im Blick auf die Kompetenzen,
die auch in jedem Persönlichkeitsstil stecken, um zwischenmenschliche
Neuorientierung. Ratsuchende sollen Strategien für den Umgang mit bisher
unlösbar scheinenden Alltagsproblemen aufgezeigt bekommen. So zielt die
Therapie oder Beratung bei Persönlichkeitsstörungen nicht primär auf die Lösung
individueller, sondern auf die Lösung zwischenmenschlicher Probleme.
Dr. Rudolf Sanders
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