Besprechung aus: Beratung Aktuell,
Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
Peter Fiedler
Sexuelle Orientierung und
sexuelle Abweichung.
Heterosexualität –
Homosexualität – Transgenderismus und Paraphilien – sexueller Missbrauch – sexuelle Gewalt
Weinheim, Beltz PVU, 2004, 49,90 €
Mit dieser Publikation legt der Autor ein weiteres grundlegendes Werk
vor. Nach eigenen Angaben versteht sich diese Publikation als Mischung aus
Lehrbuch und Stellungnahme. Dem interessierten Leser eröffnet die 520 Seiten
umfassende Lektüre eine Vielzahl von Einsichten, die auf der Grundlage einer
umfassenden aktuellen Literaturrecherche zusammengestellt wurden. Der Text ist
sehr leserfreundlich konzipiert. Wichtige Erkenntnisse und sich wiederholende
Argumentationsfiguren tauchen öfter auf, so dass der Text auch Kapitel weise gelesen
werden kann und dadurch verständlich bleibt. Über weite Strecken des Buches
werden die empirischen Ergebnisse in der gebotenen Abstinenz dargestellt, so
dass der Leser sich seine eigene Meinung zu den Ergebnissen bilden kann. Es
gibt aber auch Passagen, wo die persönliche Sichtweise des Autors dominant
wird, so dass sich der Text als Herausforderung darstellt. Nicht immer werden
die Gewichtungen und Folgerungen geteilt werden können. Dies hat zur Folge,
dass der eigene Standpunkt noch einmal vergewissert werden muss und ggf. auch
eine Zeit zum Überdenken notwendig wird, ob die eigene Position
aufrechterhalten oder auch neu bedacht werden muss. Insbesondere wird das für
die Positionierung gelten, ob die sexuelle Begabung des Menschen ausschließlich
eine Lebensäußerung darstellt, die vergleichbar mit anderen Notwendigkeiten wie
Essen und Trinken zum regelmäßigen und täglichen Lebensvollzug gehört oder ob
es sich dabei um eine Möglichkeit handelt, die erst in bestimmten
Zusammenhängen ihren angemessenen Platz hat. Diese könnte z.B.
beziehungsorientiert sein und mit ihren Möglichkeiten auch über die augenblickliche
Situation hinausreichen, wie z. B. im Kontext einer religiösen und/oder
transzendentalen Dimension. Die deskriptive und empirische Darstellung der
unterschiedlichen Lebensäußerungen im Bereich der Sexualität werden bisweilen
aus sich heraus als Sinn gebend präsentiert. Dabei scheint als einziger
Orientierungspunkt zu gelten: „Es ist alles „gewinnbringend“, was
gemeinschaftlich gewollt wird und den Partner bzw. die Partnerin nicht im
falschen Sinne vereinnahmt und/oder schadet.“
Da das Buch unter dem Gesichtspunkt seiner Relevanz für die
Beratungsarbeit gelesen wurde, lassen sich wichtige Folgerungen ableiten.
·
Die
Akzentsetzung, die mit der Abwendung von „Perversionen“ zu Paraphilien
vorgenommen wurde, eröffnet Dimensionen zu einem besseren Verständnis von
Klienten. Damit sind für die Beraterin bzw. den Berater Möglichkeiten gegeben,
um ressourcenorientiert arbeiten zu können.
·
Zu den
verschiedenen Elementen der sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität und
den sexuellen Präferenzen und dabei auftretenden Störungen werden, wenn auch in
knapper Form, die unterschiedlichen Sichtweisen und therapeutischen Ansätze zum
Verständnis dargestellt, so dass die eigene Reflektion angeregt wird, was dazu
beitragen kann, eine weitere Verständnisdimension für entsprechende Ratsuchende
zu eröffnen.
·
Zur
diagnostischen Abklärung werden die gängigen Vorgaben (ICD – 1.0 und DSM – IV –
TR) immer mit einbezogen, so dass auf diese Weise indirekt die diagnostische Kompetenz
mitgefördert wird.
·
Bei den
relevanten Themen, soweit sie die Rechtsprechung berühren, werden Beispiele und
Zuordnungen getroffen, so dass auch unter diesem Gesichtspunkt ein Verständnis
für strafrechtlich relevante Verhaltensweisen und Praktiken eröffnet werden.
·
Ein
besonderer Schwerpunkt bildet die Darstellung von empirisch begründeten Verstehensmodellen,
die die herkömmliche Sichtweise, die häufig aus den therapeutischen Ansätzen
entwickelt worden ist, ergänzt. Dabei handelt es sich um einen wichtigen
Verständniszugewinn.
·
Ein
wichtiger Erkenntniszuwachs für die eigene Beratungsarbeit wird sich aus dem
Kapitel „Psychologische Behandlung von Straftätern“ ergeben. Hier werden schon
bewährte Strategien dargestellt und so erklärt, dass sie für die eigene
Beratungspraxis relevant sein können.
Wenn es auch nicht zum Schwerpunkt der Beratungsstellen gehört,
therapeutisch mit Menschen zu arbeiten, die wegen ihrer sexuellen Orientierung
oder sexuellen Abweichung kommen, so werden doch immer wieder bei der Einzel-
und/oder Paarberatung Themen relevant, die eine fundierte Kenntnis in diesem
Bereich nötig machen. Von daher gehört dieses Buch in jedem Fall in die
Handbibliothek einer Beratungsstelle und sollte von jeder Mitarbeiterin und
jedem Mitarbeiter wenigstens soweit gekannt werden, dass im Bedarfsfall darauf
zurückgegriffen werden kann. Unter der Internetadresse www.beltz.de „Schnellsuche“ „Peter Fiedler“
besteht die Möglichkeit, das Inhaltsverzeichnis einzusehen und als Leseprobe
das Geleitwort von Prof. DDr. Andreas Marneros lesen zu können. Auf diese Weise kann zu dem
Gesamtwerk ein weiterer Zugang gewonnen werden.
Dr. Notker Klann
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