Besprechung aus: Beratung Aktuell,
Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
, 1 -2007
Gewalt an Schulen. 1994 – 1999 - 2004.
Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, 34,90 €
Durch die Bitte des
Rütli-Lehrerkollegiums um die Auflösung ihrer Schule in Berlin-Neukölln - die
Gewalttätigkeiten der Schüler hatten ein nicht mehr handhabbares Ausmaß
erreicht - ist das Thema Gewalt an Schulen wieder einmal schlagartig in den
Mittelpunkt des Interesses gerückt. Dabei sind sowohl die entsprechenden
Medienberichte als auch die öffentliche Diskussion von der Vorstellung
geprägt, dass die Gewaltbereitschaft unter Schülern in den letzten Jahren
erheblich zugenommen hat und dass schwerer Vandalismus, unkontrollierbare
Aggressionen, Schlägereien und Beschimpfungen mittlerweile zum schulischen
Alltag gehören.
Das vorliegende Buch
leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dieses undifferenzierte Bild zur
Gewaltproblematik an Schulen auf wissenschaftlicher Grundlage zu korrigieren.
Der Leser wird umfassend über die empirischen Ergebnisse einer aktuellen
repräsentativen Erhebung zur Gewaltsituation an allgemein- und berufsbildenden
Schulen in Bayern informiert. Da die Autorengruppe bereits 1994 und 1999
entsprechende Schülerbefragungen realisiert hat, handelt es sich um eine der
wenigen Studien, die fundierte Aussagen zur Gewaltentwicklung in den letzten 10
Jahren erlaubt.
Im Rahmen des ersten
Kapitels leisten die Autoren einen gelungenen Überblick über zentrale Befunde
der bisherigen Forschung. Im zweiten Kapitel werden zunächst die beiden übergeordneten
Zielsetzungen der Studie herausgearbeitet: Zum einen soll ermittelt werden,
wie verbreitet gewalthaltiges Verhalten in der Schule ist, zum anderen sollen
mögliche Ursachen für schulische Gewaltphänomene in den Blick genommen werden.
Außerdem wird das forschungsmethodische Vorgehen der Schülerbefragung vorgestellt
und begründet. Kapitel 3 informiert dann ausführlich über die Resultate
bezüglich der Epidemiologie, also der Verbreitung gewalttätigen Verhaltens
unter Schülern. Hier wird u.a. deutlich, dass schwere körperliche Gewalt im
schulischen Kontext doch eher selten ist. Interessanterweise zeigt sich, dass
2004 - im Vergleich zu den Jahren 1999 und 1994 - ein leichter Rückgang der Gewaltbelastung
festzustellen ist. Allerdings bestätigt sich auch der enge Zusammenhang zwischen
Bildungsniveau bzw. Schulart und Gewalt: Hauptschüler werden zwei- bis dreimal
häufiger Opfer von Gewalttaten als Gymnasiasten. Darüber hinaus können die
Autoren anhand ihrer Daten belegen, dass Gewalt an Schulen überwiegend auf
einen „kleinen harten Kern“ zurückgeht: Rund 2% der Schüler üben ein Viertel
aller Gewalttaten aus. In den Kapiteln 4 bis 10 werden die Daten schließlich
jeweils unter speziellen inhaltlichen Gesichtspunkten ausgewertet (z.B. Medien
und Gewalt, Migrationshintergrund und Gewalt, Drogen und Gewalt etc.).
Insgesamt zeichnet sich
das Buch durch sehr detaillierte und reichhaltige Ergebnisdarstellungen aus,
die dem Leser durchaus Konzentration und „Durchhaltevermögen“ abverlangen. Da
erweist es sich als großer Pluspunkt, dass sich am Ende der Kapitel jeweils
prägnante Zusammenfassungen finden, die die zentralen Ergebnisse im Überblick
wiedergeben. Schade ist, dass die Autoren darauf verzichtet haben, ihre
hochkarätigen Ergebnisse in einem abschließenden Kapitel zusammenfassend
inhaltlich zu diskutieren. Auch könnte man kritisch einwenden, dass die
vorliegende Studie nur unzureichend über Phänomene informiert, die in den
letzten Jahren unter dem Begriff der relationalen, also der beziehungsbezogenen
Aggression diskutiert werden (vgl. Ittel & von Salisch, 2005; Macklem,
2003). Hierunter versteht man Verhalten, das darauf abzielt, die sozialen
Beziehungen eines Mitschülers systematisch zu beschädigen (z.B. durch
Verbreiten von Gerüchten, durch Lästern oder Bloßstellen vor anderen). Der in
der Studie eingesetzte Schülerfragebogen umfasst zwar ein bis zwei Fragen,
die in diese Richtung zielen (wie z.B. „mit der Clique laut über eine andere
Clique hergezogen"), insgesamt wird diese subtile Gewaltform, die im
Übrigen eher von Mädchen ausgeübt wird, jedoch nicht wirklich gut abgebildet.
Vermutlich liegt dies daran, dass die Autoren - um einen entsprechenden
Vergleich zu ermöglichen - im Wesentlichen den Fragebogen von 1994 übernehmen
mussten.
Alles in allem ist das
Buch jedem zu empfehlen, der sich mit den Themen Gewalt an Schulen und
schulische Gewaltprävention beschäftigt bzw. dessen Arbeit Berührungspunkte zur
schulischen Sozialisation und Erziehung aufweist.
Dr. Christine Kröger
Ittel, A. & von Salisch, M. (Hrsg.). (2005): Lügen, Lästern, Leidenlassen. Aggressives Verhalten von Kindern und
Jugendlichen. Stuttgart:
Kohlhammer.
Macklem, G.L. (2003): Bullying and teasing. Social power in children’s groups. New York: Kluwer.