Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der
Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
Klaus
Grawe
Psychologische
Therapie
Hogrefe
Verlag Göttingen,1998,
Nimmt man dies Buch in die Hand und beginnt
zu lesen, dann kann es einem passieren, dass man nicht mehr genau weiß, ob man
ein schwergewichtiges Fachbuch (767 Seiten!) vor sich hat oder einen Krimi. Das
Buch hat eine solche Spannung, dass die Leser, vor allem KollegInnen,
die in der beraterischen Alltagspraxis stehen, es nur ungern aus der Hand legen
werden.
Drei Personen, eine Therapeutin, ein
Therapieforscher und ein Psychologe treten in einen Dialog miteinander und versuchen,
aus ihrer jeweiligen Perspektive heraus die Frage zu beantworten, was in einer
psychologischen Therapie geschehen könnte. Die Therapeutin ist ganz auf
Seite der Patienten. Sie möchte ihnen - ohne ein fachliches Glaubensbekenntnis
- bestmöglichst helfen, ihre Probleme zu bewältigen.
Der Therapieforscher berichtet aus seiner übergreifenden Sicht, was sich
empirisch abgesichert bei dem Klären und Bewältigen von seelischen Störungen
bewährt hat. Er weist z.B. darauf hin, dass bereits der Schritt zu einer
Therapie oder Beratung in sich Hoffnung auslösend ist und dann, wie dieses
Phänomen als positives Kapital für das Gelingen des Therapieprozesses
einbezogen werden kann. Der Psychologe steuert neueste Erkenntnisse
psychologischer Grundlagenforschung bei, um verständlich zu machen, wie
Menschen ihr Verhalten steuern, wie Störungsmuster eine Eigendynamik entwickeln
können etc. Für ihn ist insbesondere die Erkenntnis tragend, dass kaum ein
Verhalten, somit auch nicht das störende, als bewusster Prozess anzusehen ist.
Er schildert, wie diese automatischen Verhaltensweisen durch ihre prozessuale
Aktivierung dem Bewusstsein zugeführt werden können, somit zugänglich gemacht
werden und in der Folge durch neue Verhaltensweisen überschrieben werden
können. Dabei geht Grawe therapieschulenübergreifend vor, um eine Integration
verschiedener therapeutischer Ideen und Ansätze zu erreichen. Die angenommene
Auftragsstellung der Klienten orientiert sich an deren
"Grundbedürfnissen", die dann so lauten könnten:
"Ich will lernen, mein Leben
verantwortlich zu gestalten, meine Störungen zu verstehen und zu kontrollieren.
In meinen Beziehungen will ich mich angemessen binden können. So gehe ich dann
davon aus, dass ich mit meinem Tun und Handeln immer mehr zufrieden bin; so wird
mein Leben lustvoll".
Insbesondere wird auf die Bedeutung der
eigenen Ressourcen der Ratsuchenden hingewiesen. Grawe weist nach, dass ohne
deren Aktivierung eine Änderung von störendem Verhalten nicht möglich ist.
Zusammengefasst bietet Grawe mit diesem Buch
die Grundlage für einen notwendigen Paradigmenwechsel in der
Beratungsszene. Wenn diese sich bisher sehr in Anlehnung an Krankheitsmodelle,
an das, was stört oder was nicht gelingt, orientierte, gilt es statt dessen
nunmehr, sich als TherapeutIn und BeraterIn
den gesunden Anteilen und den gelingenden Lebensbereichen des Ratsuchenden
zuzuwenden und diese als Ausgangspunkt für notwendige Veränderungen zu nutzen.
Dr. Rudolf Sanders
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