Besprechung aus: Beratung
Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag
Paderborn
Neuropsychotherapie
Hogrefe Verlag 2004
€ 39,-
Die Funktionsweise
des Gehirns konnte in den letzten Jahren durch Bild gebende Verfahren immer
weiter entschlüsselt werden. Und so tut sich mit den Neurowissenschaften für Psychotherapie
und Beratung eine Welt auf, die Vorgehensweisen noch unter einem ganz anderen
Licht begründen lassen. Ausgehend von den vier Grundbedürfnissen des Menschen,
des Bedürfnis nach Bindung, nach Orientierung und Kontrolle, nach Selbstwerterhöhung
und nach Lustgewinn und Unlust Vermeidung wird aufgezeigt, wie Strategien der
Annäherung zur Befriedigung dieser Bedürfnisse ebenso wie die, sich vor
Übergriffe, Verletzungen zu schützen, im Gehirn angelegt werden. Eine besondere
Bedeutung haben hierbei die Erfahrungen eines Menschen in den ersten
Lebensjahren ohne dass es möglich wäre, einen bewussten Zugang dazu zu
erlangen. Denn alle Erfahrungen werden in den
neuronalen Erregungsmustern des Gehirns gebahnt, bleiben dort und
springen i.d.R. automatisch an.
So wachsen z.B.
durch die Ausschüttung von Hormonen auf
Grund guter Erfahrungen im Gehirn solche
Zellverbände, die lebenslängliche Auswirkungen
auf die Fähigkeit, sich in Bindungen sicher zu verhalten, haben. Sind
allerdings die nahen Bindungserfahrungen als Kind von
Unsicherheit geprägt, besteht also für das Kind viel Ungewissheit dahingehend,
ob Mutter bzw. Vater feinfühlig auf seine Signale reagiert, so wird sehr früh
eine niedrige Stresstoleranz dauerhaft angelegt. Und diese Ausbildung im Gehirns hat wesentlichen Einfluss darauf, ob Menschen es
schaffen, glücklich zu werden. Glücklich werden ist deshalb wichtig, weil Menschen,
denen das Leben glückt, die mit ihren Bedürfnissen und Zielen im Einklang
stehen, keine psychischen Störungen entwickeln. Die Beseitigung - präziser
gesagt und neurobiologisch gesprochen die Hemmung dieser durch die
Ausbildung und intensive Einübung – neurobiologisch Bahnung - neuer
Muster, dass mitmenschliche Beziehungen
befriedigt gestaltet werden können, dass das Leben gelingt, hat sich Beratung
und Therapie auf die Fahne geschrieben.
Wie dies gelingen
kann, wird aus neurowissenschaftlicher Sicht klarer als aus vielen anderen
Perspektiven, die in der klinischen Psychologie eingenommen werden. So wird die
Einbeziehung neurowissenschaftlicher Kenntnisse Therapie nicht nur wirksamer
machen, sondern auch das Bewusstsein dafür fördern, dass diese viel mehr sein
kann und mehr sein sollte, als das Beseitigen von Störungen.
Was den Autor
auszeichnet ist seine Liebe zum Menschen, indem sein Tun sich nicht auf
"Glaubensaussagen" für die Begründung einer Therapieform stützt
sondern darauf, seine Vorgehensweisen empirisch zu begründen. Findet die
Psychologische Therapie (Grawe1998, Besprechung in: www.beratung-aktuell.de/grawe1.html)
ihre Basis auf den Aussagen der psychologischen Grundlagenforschung und den
Ergebnissen der Therapieforschung, so rundet sich mit dem vorliegenden Buch
diese Hinwendung zum seelisch kranken Menschen ab.
Kritiker könnten einwenden,
dass der Mensch auf die biologischen
Funktionen im Gehirn reduziert würde. Dem ist nicht so! Reduziert wird ein
Mensch, wenn man ihn auf seine Störungen reduziert, nicht wenn man anerkennt,
dass seine psychischen Störungen, ebenso wie seine anderen psychischen
Prozesse, ein Produkt seiner neuronalen
Strukturen und Prozesse sind. Und so wird in allen zitierten Untersuchungen
spürbar, dass der Autor diese nie losgelöst von dem einzelnen Menschen sieht,
dass er ihn mit seinen individuellen Lebensmotiven, seinen Werthaltungen und
seiner Lebensgeschichte wert schätzt, dass es ihm zentrales Anliegen ist, einem
seelische eingeschränkten Menschen erfolgreiche Wege aufzuzeigen, Verantwortung
für die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse zu übernehmen. Darf man ein
psychotherapeutisches Lehrbuch als einen Krimi bezeichnen? Wenn ja, dann trifft
das für die vorliegende Veröffentlichung zu. Der Leser wird gepackt, bekommt
Funktionsweisen des Gehirns anschaulich nahe gebracht und wird angesteckt,
eigene Handlungsweisen in Therapie und Beratung zu überdenken.
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