Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn

 

Klaus Grawe

Neuropsychotherapie

Hogrefe Verlag 2004 € 39,-

 

Die Funktionsweise des Gehirns konnte in den letzten Jahren durch Bild gebende Verfahren immer weiter entschlüsselt werden. Und so tut sich mit den Neurowissenschaften für Psychotherapie und Beratung eine Welt auf, die Vorgehensweisen noch unter einem ganz anderen Licht begründen lassen. Ausgehend von den vier Grundbedürfnissen des Menschen, des Bedürfnis nach Bindung, nach Orientierung und Kontrolle, nach Selbstwerterhöhung und nach Lustgewinn und Unlust Vermeidung wird aufgezeigt, wie Strategien der Annäherung zur Befriedigung dieser Bedürfnisse ebenso wie die, sich vor Übergriffe, Verletzungen zu schützen, im Gehirn angelegt werden. Eine besondere Bedeutung haben hierbei die Erfahrungen eines Menschen in den ersten Lebensjahren ohne dass es möglich wäre, einen bewussten Zugang dazu zu erlangen. Denn alle Erfahrungen werden in den  neuronalen Erregungsmustern des Gehirns gebahnt, bleiben dort und springen i.d.R. automatisch an.

So wachsen z.B. durch  die Ausschüttung von Hormonen auf Grund guter Erfahrungen  im Gehirn solche Zellverbände, die  lebenslängliche Auswirkungen auf die Fähigkeit, sich in Bindungen sicher zu verhalten, haben. Sind allerdings die nahen Bindungserfahrungen als Kind von Unsicherheit geprägt, besteht also für das Kind viel Ungewissheit dahingehend, ob Mutter bzw. Vater feinfühlig auf seine Signale reagiert, so wird sehr früh eine niedrige Stresstoleranz dauerhaft angelegt. Und diese Ausbildung im Gehirns hat wesentlichen Einfluss darauf, ob Menschen es schaffen, glücklich zu werden. Glücklich werden ist deshalb wichtig, weil Menschen, denen das Leben glückt, die mit ihren Bedürfnissen und Zielen im Einklang stehen, keine psychischen Störungen entwickeln. Die Beseitigung - präziser gesagt und neurobiologisch gesprochen die Hemmung dieser durch die Ausbildung und intensive Einübung – neurobiologisch Bahnung - neuer Muster,  dass mitmenschliche Beziehungen befriedigt gestaltet werden können, dass das Leben gelingt, hat sich Beratung und Therapie auf die Fahne geschrieben.

Wie dies gelingen kann, wird aus neurowissenschaftlicher Sicht klarer als aus vielen anderen Perspektiven, die in der klinischen Psychologie eingenommen werden. So wird die Einbeziehung neurowissenschaftlicher Kenntnisse Therapie nicht nur wirksamer machen, sondern auch das Bewusstsein dafür fördern, dass diese viel mehr sein kann und mehr sein sollte, als das Beseitigen von Störungen.

Was den Autor auszeichnet ist seine Liebe zum Menschen, indem sein Tun sich nicht auf "Glaubensaussagen" für die Begründung einer Therapieform stützt sondern darauf, seine Vorgehensweisen empirisch zu begründen. Findet die Psychologische Therapie (Grawe1998, Besprechung in: www.beratung-aktuell.de/grawe1.html) ihre Basis auf den Aussagen der psychologischen Grundlagenforschung und den Ergebnissen der Therapieforschung, so rundet sich mit dem vorliegenden Buch diese Hinwendung zum seelisch kranken Menschen ab.

Kritiker könnten einwenden, dass der Mensch auf  die biologischen Funktionen im Gehirn reduziert würde. Dem ist nicht so! Reduziert wird ein Mensch, wenn man ihn auf seine Störungen reduziert, nicht wenn man anerkennt, dass seine psychischen Störungen, ebenso wie seine anderen psychischen Prozesse, ein Produkt seiner  neuronalen Strukturen und Prozesse sind. Und so wird in allen zitierten Untersuchungen spürbar, dass der Autor diese nie losgelöst von dem einzelnen Menschen sieht, dass er ihn mit seinen individuellen Lebensmotiven, seinen Werthaltungen und seiner Lebensgeschichte wert schätzt, dass es ihm zentrales Anliegen ist, einem seelische eingeschränkten Menschen erfolgreiche Wege aufzuzeigen, Verantwortung für die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse zu übernehmen. Darf man ein psychotherapeutisches Lehrbuch als einen Krimi bezeichnen? Wenn ja, dann trifft das für die vorliegende Veröffentlichung zu. Der Leser wird gepackt, bekommt Funktionsweisen des Gehirns anschaulich nahe gebracht und wird angesteckt, eigene Handlungsweisen in Therapie und Beratung zu überdenken.

Dr. Rudolf Sanders

 

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