Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis
der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
Karin Grossmann und Klaus Grossmann
Bindungen - das Gefüge psychischer
Sicherheit
Klett Cotta Stuttgart 2004
Das Verstehen,
warum ein Mensch sich so verhält, wie er sich verhält, warum sich nahe
Angehörige so verhalten, wie sie sich verhalten ist der zentrale
Schlüssel für das Bewältigen von Beziehungsproblemen. Deshalb widmen sich die
Autoren denjenigen, die mit der Gestaltung von Beziehungen zwischen einander
vertrauten Menschen und ihren Problemen zu tun haben, in Beratungsstellen,
Institutionen und Forschung oder als wissensdurstige Eltern. Das Ergebnis einer
mehr als 30-jährigen Bindungsforschung ist ein Plädoyer gegen die
Nachlässigkeiten im sozialen Miteinander. Es wirbt für mehr Rücksicht und
Behutsamkeit gegenüber anderen, besonders gegenüber Kindern. Basierend auf der
verhaltensbiologisch orientierten Bindungstheorie von Bowlby werden die
Bedingungen in Familien beschrieben, die eine seelisch gesunde, psychisch
sichere Entwicklung ermöglichen. Diese lassen sich dann mit Störungen und
Mängeln vergleichen, die zu abweichenden oder pathologischen Entwicklungen
führen können.
Ausgehend von der
Entstehung der Bindungsforschung, ihren historischen, evolutionsbiologischen
und psychobiologischen Wurzeln wird die psychische Entwicklung eines Menschen beschrieben.
Sie beginnt mit der Interaktionsbereitschaft des Säuglings, der dyadischen Organisationen seiner
Kommunikationsfähigkeit, über die mütterliche Feinfühligkeit, die Bedeutung der
Bindungsqualität im Vorschulalter, die Internalisierung von Beziehungserfahrungen,
über die Entwicklung von inneren Arbeitsmodellen Jugendlicher in ihrem
Verhalten in ihren freundschaftlichen Beziehungen bis hin zur Bedeutung der
Bindung und Partnerschaftserwartungen im Erwachsenenalter. Man bekommt eine
gute und verständliche Übersicht des aktuellen Forschungstandes präsentiert.
Wurde etwa die
Rolle des Vaters bisher in der Bindungsforschung eher stiefmütterlich
behandelt, so konnten die Autoren auch die besondere Qualitäten der
Kind-Vater-Bindung empirisch ausarbeiten. Seine Feinfühligkeit beeinflusst in
hohem Maße die Fähigkeit zu sicheren Exploration, der Erkundung der Welt. Damit
ist zum einen gemeint, dass ein Kind sich bei Unsicherheit und Unwissenheit auf
die Unterstützung des Vaters verlassen kann und auf der anderen Seite, dass dieser
es auch herausfordert, Neues auszuprobieren und ihm dabei die Erfahrung
vermittelt, als vertrauter Begleiter zur Seite zu stehen und so Erfolge zu
ermöglichen. So wurden Jugendlichen mit einem feinfühlig unterstützenden Vater
auch von anderen als kompetent, kreativ, mutig und angemessen selbstbewusst
eingeschätzt.
Ein spannendes
Buch! Eine Herausforderung, Menschen, die eine Beziehungsberatung aufsuchen
zunächst zu vermitteln, wie in der Regel die eigenen Verletzungen aus
Kindertagen die Ursachen für ihre Schwierigkeiten in ihren aktuellen
Beziehungen sind. Darauf aufbauend durch die eigenen Erfahrungen in der
Beratung - indem sie genau hier positive Bindungserfahrungen machen - lernen
sie, die Ursachen zu integrieren und die Grundlagen für eine psychische
Sicherheit durch Training (Einüben) zu erwerben.
Dr. Rudolf Sanders
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