Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn

 

 

 

Andrea Hartmann

Wieder das Schweigen und Vergessen  - Gewalt in der Familie: Sozial wissenschaftliche Erkenntnisse und praktisch-theologische Reflexionen

 

Tyrolia Verlag Innsbruck-Wien, 2002, 23,90 €

 

Wenn über Gewalt in Familien berichtet wird, dann haben viele den Eindruck, dass es sich dabei vor allem um „nicht normale“ Beziehungen, Verwahrloste und Menschen aus der sozialen „Unterschicht“ handelt. Eine Anfang der neunziger Jahre in Österreich durchgeführte Untersuchung kam allerdings zu dem Ergebnis, dass mindestens jede fünfte Frau körperliche Gewalt in ihrer Beziehung erlebt oder schon mal erlebt hat. Und mehr als die Hälfte aller Frauen kannte mindestens einen Fall von körperlicher Gewalt in einer Familie in ihrem näheren sozialen Umfeld. In den USA und auch anderen westlichen Staaten zählt Kindesmisshandlung zur häufigsten Todesursache von Kindern. Dabei ist der Tod nur die entsetzlichste Fratze einer Vielfalt an Formen von Gewalt  gegen Kinder. Jegliche Form von Gewalt behindert deren Leben und Entwicklung vor allem, wenn sie von Menschen ausgeübt wird, auf die sie existenziell angewiesen ist und die sie eigentlich lieben möchten.

Die Autorin hat den aktuellen Wissensstand zur Epidemiologie, zu Anlässen und zur Gestaltung von Gewaltausübung in der Familie zusammengetragen - hierbei geht es insbesondere um Gewalt gegen Frauen und gegen Kinder. Endlich, möchte man sagen, bricht jemand das Schweigen und Vergessen. Denn in der Regel handelte es sich nicht um Außenseiter, denen Gewalt widerfährt, sondern unter den befragten Frauen befand sich ein hoher Anteil an Mittelschichtfrauen, das heißt Frauen, die im Handels-, Bank- und sonstigen Dienstleistungswesen angestellt sind und ebenso ein überdurchschnittlich hoher Anteil an akademischen ausgebildeten Frauen. Dies ist deshalb um so erschreckender, da diese Frauen in den Polizei- und Frauenhausstatistiken, den bisherigen Quellen von Schätzungen der Gewaltdimension nicht auftauchen, da sie sich nur selten an diese Stellen wenden.

Die Autorin ist christliche Theologin. Und so ist für sie Erinnerungsarbeit  ein christlicher Auftrag, der den mühsamen Kampf gegen das Vergessen und Verleugnen von Gewalt aufnimmt. In und durch Religion sollen Opfer und auch Täter Befreiung erfahren. Sie stellt sich gegen ein Arrangement der Herrschenden und bekämpft die Lethargie des Gewöhnens  in der Normalität des Alltags. Es bleibt zu wünschen, dass ihre vorgestellten Konzepte praktisch-theologischen Denkens und Handelns wider die Gewalt gegen Frauen und Kinder die Gesellschaft als Ganze und somit auch Kirche und Theologie befruchten.

 

Dr. Rudolf Sanders

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