Besprechung aus: Beratung Aktuell,
Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
Wieder
das Schweigen und Vergessen - Gewalt in
der Familie: Sozial wissenschaftliche Erkenntnisse und praktisch-theologische
Reflexionen
Tyrolia Verlag Innsbruck-Wien, 2002, 23,90 €
Wenn
über Gewalt in Familien berichtet wird, dann haben viele den Eindruck, dass es
sich dabei vor allem um „nicht normale“ Beziehungen, Verwahrloste und Menschen
aus der sozialen „Unterschicht“ handelt. Eine Anfang der neunziger Jahre in
Österreich durchgeführte Untersuchung kam allerdings zu dem Ergebnis, dass
mindestens jede fünfte Frau körperliche Gewalt in ihrer Beziehung erlebt oder
schon mal erlebt hat. Und mehr als die Hälfte aller Frauen kannte mindestens
einen Fall von körperlicher Gewalt in einer Familie in ihrem näheren sozialen
Umfeld. In den USA und auch anderen westlichen Staaten zählt Kindesmisshandlung
zur häufigsten Todesursache von Kindern. Dabei ist der Tod nur die entsetzlichste
Fratze einer Vielfalt an Formen von Gewalt
gegen Kinder. Jegliche Form von Gewalt behindert deren Leben und
Entwicklung vor allem, wenn sie von Menschen ausgeübt wird, auf die sie
existenziell angewiesen ist und die sie eigentlich lieben möchten.
Die
Autorin hat den aktuellen Wissensstand zur Epidemiologie, zu Anlässen und zur
Gestaltung von Gewaltausübung in der Familie zusammengetragen - hierbei geht es
insbesondere um Gewalt gegen Frauen und gegen Kinder. Endlich, möchte man
sagen, bricht jemand das Schweigen und Vergessen. Denn in der Regel handelte es
sich nicht um Außenseiter, denen Gewalt widerfährt, sondern unter den befragten
Frauen befand sich ein hoher Anteil an Mittelschichtfrauen, das heißt Frauen,
die im Handels-, Bank- und sonstigen Dienstleistungswesen angestellt sind und
ebenso ein überdurchschnittlich hoher Anteil an akademischen ausgebildeten
Frauen. Dies ist deshalb um so erschreckender, da diese Frauen in den Polizei-
und Frauenhausstatistiken, den bisherigen Quellen von Schätzungen der Gewaltdimension
nicht auftauchen, da sie sich nur selten an diese Stellen wenden.
Die
Autorin ist christliche Theologin. Und so ist für sie Erinnerungsarbeit ein christlicher Auftrag, der den mühsamen
Kampf gegen das Vergessen und Verleugnen von Gewalt aufnimmt. In und durch
Religion sollen Opfer und auch Täter Befreiung erfahren. Sie stellt sich gegen
ein Arrangement der Herrschenden und bekämpft die Lethargie des Gewöhnens in der Normalität des Alltags. Es bleibt zu
wünschen, dass ihre vorgestellten Konzepte praktisch-theologischen Denkens und
Handelns wider die Gewalt gegen Frauen und Kinder die Gesellschaft als Ganze
und somit auch Kirche und Theologie befruchten.
Dr. Rudolf Sanders
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