Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn

 

 

 

Michaela Huber

Trauma und die Folgen (Teil 1) , Wege der Traumabehandlung (Teil 2)

Junfermann  Verlag Paderborn 2003,

 

In einer Emnid Studie aus dem Jahr 2002 (Saßmann & Klann 2002) zu der Erwartungen von Ratsuchenden an Beratungsstellen wurde deutlich, dass nicht wenige Ratsuchende in vielfältiger Hinsicht durch den Erziehungsstil in ihrer Herkunftsfamilie belastet waren. 49 % bezeichneten die Erziehung durch ihre Eltern als sehr streng (18% NB = Normalbevölkerung), 43% wurden von ihren Eltern nur dann geliebt, wenn sie sich so verhielten, wie ihre Eltern es wollten (13% NB) und 33 % berichteten davon, dass sie machen konnten was sie wollten, immer war für ihre Eltern irgendetwas falsch (13% NB). Situationen also, in denen man sich bedroht fühlt und auch ganz konkret ist, davor nicht fliehen und nicht dagegen ankämpfen kann, weil man als Kind existenziell abhängig ist. Man muss etwas erleben, was einfach zu viel ist und entwickelt Überlebensstrategien, die als Kind sehr sinnvoll sind, später aber einmal dysfunktional werden können. Das Tragische an der Situation ist, dass diese Muster implizit angewendet werden, in ihnen ein Wiederholungszwang steckt, der Beziehungen immer wieder scheitern lässt.

Vielleicht haben diese frühen Erfahrungen auch Auswirkungen auf die aktuelle gefühlsmäßige und körperliche Befindlichkeit. So berichteten 82% in der oben genannten Untersuchung davon, in Gefühlsdingen sehr verletzlich zu sein, 78% meinten, sich zu viele Sorgen machen zu müssen, 71% sprachen davon gespannt oder aufgeregt zu sein, 63% hatten den Eindruck, andere nicht zu verstehen und 60% berichteten davon, dass es ihnen schwer fällt, etwas anzufangen. Die Signifikanz zu den Normwerten betrug jeweils p .001 . Deutlich wird an dieser Untersuchung, dass reale Lebenserfahrungen, die besonders stressreich sind, Symptome verursachen können, die leicht als Neurose oder gar als Persönlichkeitsstörung missverstanden werden können.

Sehr lange wurde in Beratung und Therapie sich auf die Innenwelt der Patienten konzentriert, wurden Konflikte und deren Widerspiegelung in Beziehungen wichtiger genommen als reale Hintergrunderfahrungen. Allmählich kehrt sich diese Anfang des letzten Jahrhunderts begonnene Entwicklung wieder um und es verbreitet sich die simple Wahrheit: Es sind die konkreten Lebensbedingungen, die psychische Symptome verursachen; es sind unbewältigte Lebenserfahrung im Sinne einer Trauma Geschichte, die psychisch krank machen. Michaela Huber, für Luise Reddemann eine Pionierin auf dem Gebiet der Trauma Forschung und  - Therapie, hat in zwei Bänden den aktuellen Wissensstand zu diesem Thema zusammengetragen. Die Bände sind so gestaltet, dass sie durch viele Beispiele, durch eine didaktisch aufbereitete Schreibweise „lustvolle“ und spannende Wissensvermittlung bedeuten.

Es ist eine Tatsache, dass es überwiegend Probleme mit der Gestaltung naher zwischenmenschlicher Beziehungen sind, die Ratsuchende in Ehe- und Beziehungsberatung führen - deshalb ist die Lektüre ein „Muss“ für deren Beraterinnen und Berater. Diese hilft zum einen manche „verrückte“ Verhaltensmuster, die sich in einem Paar aktualisieren, mit den Betroffenen gemeinsam zu verstehen; die vorgeschlagenen Wege in der Traumabehandlung bieten Vorgehensweisen an, die den Ratsuchenden helfen, erst dann den Ast abzusägen, auf den sie sich geflüchtet haben, wenn man ihnen die passende Leiter gegeben hat, vom Baum herunter zu steigen.

Dr. Rudolf Sanders

 

 

 

 

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