Besprechung aus: Beratung Aktuell,
Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
, 2 -2007
Gerald Hüther
Reparatur oder Heilung?
Video-DVD, Laufzeit 55 Minuten; Produktion:
Auditorium Netzwerk, Müllheim, 2006;
Aufzeichnung eines Vortrags von der
Jahrestagung der Milton-Erickson-Gesellschaft in Bad Orb, März 2006; Bestell-Nummer:
797D., 19,95 €
Jeder kennt die bunt eingefärbten
Computer-Bilder von Gehirnen, mit denen Neurowissenschaftler ihre
Forschungsergebnisse präsentieren. Innovative Untersuchungstechnologien,
insbesondere die funktionelle Magnetresonanztomographie, haben solche Ansichten
möglich gemacht. Als genauso innovativ stellen sich die daraus abgeleiteten
Modelle zur Arbeitsweise des Gehirns und zu den Modalitäten des psychischen Geschehens
dar. Gerald Hüther, renommierter Neurobiologe an der Universität Göttingen, benutzt
genau dieselben Forschungsmethoden, und doch ist er einzigartig unter den
Neuro-Experten. Er verfolgt nämlich eine ganz andere Fragestellung: Ihm geht es
weniger um das Wissen, wie das Gehirn als solches funktioniert, als vielmehr um
das Verständnis, wie wir es benutzen. Die Wichtigkeit dieser Frage ergibt sich
aus der Tatsache, dass sich das Gehirn immer entsprechend seiner individuellen
Nutzung optimiert – und das ein ganzes Leben lang. „Das Gehirn ist eine lebenslange
Baustelle!“
Und wer nach dem Wie der individuellen
Nutzung fragt, kommt natürlich nicht umhin, zugleich das Warum zu reflektieren
und dabei dann in systemischer Manier die sozialen Kontextbedingungen sich
genauer anzuschauen. Gerald Hüthers Fazit: „Wir nutzen unser Gehirn einseitig
dazu, um in immer kürzerer Zeit immer spezifischere Leistungen in immer
effizienterer Weise zu erbringen.“
Ständiger Begleiter einer solchen
Nutzung bzw. einer solchen gesellschaftlichen Ideologie ist jedoch die Angst –
die Angst etwas falsch zu machen, zu versagen und dann ausgegrenzt zu werden.
Das hat natürlich Folgen – für die Funktionalität des Gehirns, für die Befindlichkeit
des Einzelnen, für die Lebensqualität einer Gesellschaft. Das Computer-Bild
eines derart gestressten Gehirns zeigt mit vielem Rot, dass die meisten Areale
sich quasi in Aufruhr befinden. Ein solches Gehirn kann keine komplexen Aufgaben
mehr bewältigen – und damit etabliert sich ein unheilvoller circulus vitiosus.
Gerald Hüther beschreibt aber zugleich
den „Gegenspieler“ der Angst: das Vertrauen – das Vertrauen in sich selbst, das
Vertrauen in andere, die mir helfen, wenn ich nicht mehr weiter weiß, und das
Vertrauen, dass es für Probleme immer auch Lösungen gibt. Und er wirbt für eine vertrauensfördernde Erziehung
bei Kindern ebenso wie für einen beziehungsintensiven Lebensstil von
Erwachsenen: „Alles, was die Beziehungsfähigkeit von Menschen verbessert, ist
gut fürs Gehirn und gut für diese Gesellschaft.“ Eine überzeugende und wunderbare
Botschaft eines faszinierenden Forschers!
Man kann sich nun leicht vorstellen,
was mit dem Vortragstitel „Reparatur oder Heilung?“ gemeint ist.
Günter Bamberger, Bundesagentur für Arbeit, Tübingen