Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn

 

 

Dietmar Schulte, Klaus Grawe, Kurt Hahlweg & Dieter Vaitl (Hrsg.)

Fortschritte der Psychotherapie – Manuale für die Praxis – Praxisorientierte Fortbildung für Psychotherapeuten, Klinische Psychologen und Psychiater

 

 

Band 24

Corinna Jacobi, Thomas Paul & Andreas Thiel

Essstörungen

2004

 

Die Intention der Reihe “Fortschritte der Psychotherapie” richtet sich grundsätzlich an Fachleute, die im Bereich der Heilbehandlung tätig sind. Die tägliche Beratungsarbeit zeigt aber, dass die Klienten, die auf Grund einer Selbstdiagnose die Beratungsstellen aufsuchen, häufig von Störungen und Symptomen berichten, die noch nicht oder wenigstens zum Teil bzw. definitiv einer medizinischen und/oder psychotherapeutischen Behandlung bedürfen. Diese Publikation trägt dazu bei, die klinische Kompetenz des Teams einer Beratungsstelle zu erweitern bzw. zu vertiefen, um frühzeitig entsprechende Fachleute bei der Beratung einzubeziehen und/oder eine Überweisung an diese vorzunehmen. Unter dieser Rücksicht ist dieser Band insbesondere den Teammitgliedern mit entsprechender klinischer Kompetenz zu empfehlen, damit sie für die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Essstörungen bei Supervision und Fallbesprechungen ihren Beitrag einbringen können.

Diese Publikation eröffnet darüber hinaus erneut den Blick für die fachlich begründete Notwendigkeit als Beratungsstelle ein aktives Element in dem Netz der psychosozialen Versorgung einer Region zu sein. Eine Essstörung (Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung) kann mit einer ganzen Anzahl von Problemfelder (komorbiden Störungen) verbunden  bzw. verursacht sein, die zunächst und/oder parallel zur Behandlung der Essstörungen zu bearbeiten sind, damit eine tragfähige Veränderung und ein entsprechender Erfolg eintreten kann. Ob und in welchem Umfang dies von Fall zu Fall möglich werden kann, wird ganz entscheidend von der fachlichen Zusammensetzung des Teams einer Beratungsstelle und der Kooperation von den mit der Klientin/dem Klienten befassten Fachleuten abhängen.

Der Band von Jacobi, Paul & Thiel orientiert sich an der bewährten Gliederung der früheren Publikationen aus dieser Reihe. Es werden die Störungsbilder nach ICD-10 und DSM-IV vorgestellt sowie unterschiedliche Störungstheorien und Modelle erläutert. Hier finden sich für die Beraterin und den Berater Erklärungsansätze, die Einsicht und Verständnis für die von Essstörungen betroffenen Klienten sein können. Die Multidimensionalität der Ursachen auf der interaktionellen und psychologischen Ebene wird durch biologische Faktoren ergänzt. Das Kapitel „Diagnostik und Indikation“ kann als Herausforderung für das eigene diagnostische Vorgehen in der Beratung verstanden werden. Es werden die einzelnen Schritte aufgezeigt, die in diesem Störungszusammenhang notwendig sind, die aber auch gleichzeitig für die eigene Beratungstätigkeit wichtige Anregungen liefern. Dies trifft auch für das Kapitel 4 „Behandlung“ zu. Die in den Kapiteln enthaltenen Abbildungen und Hinweise für die Diagnostik, Fragestellungen und Erklärungsansätze ermöglichen sehr leicht einen Transfer für das Verständnis der Ratsuchenden. Dies wird ergänzt durch die beiden Karten „Wichtige Fragen für den Erstkontakt“ und „Fragen zur Diagnostik und Vorgeschichte“, die für die Beratungsarbeit unabhängig dem Buch beigefügt sind. Um diese in der Beratung nutzen zu können, bedarf es vorher der Lektüre von 52 Seiten in diesem Buch, damit eine Gewissheit für eine gezielte Überweisung erreicht werden kann. Im Anhang befinden sich Vorgaben zur „Selbstbeobachtung des Essverhaltens“ sowie eine „Information für betroffene Patientinnen und Angehörige zu medizinischen Komplikationen und Folgeschäden bei Anorexia und Bulimia nervosa“. Beide Texte bieten sich an, dass sie den betroffenen Personen zugänglich gemacht werden. Sie enthalten eine Vielzahl von Anregungen zur persönlichen Bestandsaufnahme und Analyse der augenblicklichen Situation aus der dann Ansätze gewonnen werden können, um die Essstörungen abzubauen.

Die Autoren verdeutlichen, dass es spezifischer Kompetenzen bedarf, um in diesem Feld tätig zu sein und dass das dafür notwendige fachliche Know how nur im begrenzten Umfang (bei bis zu der Hälfte aller behandelten Personen) eine längerfristig stabile Veränderung in diesem Störungsbereich erreicht. Je nach regionaler Gegebenheit, d.h. bei entsprechend interessierten und kooperationsbereiten Therapeutinnen und Therapeuten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen wäre es durchaus denkbar, dass es  zu Kooperationsbündnissen kommt, die dann möglicherweise die Erfolgsrate verbessern kann.

Der Band 24 der Reihe „Fortschritte der Psychotherapie“ ist wegen der hohen Relevanz dieses Störungsbildes ein wichtiger Bestandteil de Handbibliothek und sollte sowohl für die Supervision und die tägliche Beratungsarbeit genutzt werden. Entsprechend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Teams einer Beratungsstelle können den Zugang zu diesem Buch erschließen, damit es zum Inventar einer Beratungsstelle werden kann.

 

Dr. Notker Klann

 

 

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