Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn

 

Corinna Jacobi, Andreas Thiel & Tomas Paul

 

Kognitive Verhaltenstherapie bei Anorexia und Bulimia nervosa, Materialien für die psychosoziale Praxis.

 

Beltz Psychologie Verlags Union 1996, Weinheim

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin keine Verhaltenstherapeutin, sondern arbeite auf der Grundlage tiefenpsychologisch fundierter Therapie. Gleichermaßen neugierig wie skeptisch habe ich von daher das Buch in die Hand genommen. Um es frei heraus zu sagen: Die Lektüre hat sich gelohnt.

 

Das Buch nimmt schon in der Einleitung gefangen mit einem Zitat aus Franz Kafkas Kurzgeschichte „Ein Hungerkünstler“ aus dem Jahr 1924. „In den letzten Jahren ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen..... Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme.“ Kafka, der wie kaum ein anderer eine Sprache gefunden hat, psychische Befindlichkeiten exakt zu beschreiben, dient den Autoren als Ausgangspunkt für eine in der Sache präzise Darstellung des Phänomens der Magersucht, vom inneren Erleben der Betroffenen aus betrachtet.

 

Wie der „Hungerkünstler“ (erlebt) „die Mehrzahl der anorektischen und bulimischen Patientinnen ihre Lage subjektiv ebenfalls als ausweglos“ (S.5), sich wie in einem „goldenen Käfig“ befindlich, aus dem sie sich, wie der Hungerkünstler, nicht zu befreien vermögen. Dieser literarische Exkurs ganz zu Beginn des Buches hat mir den Einstieg in die sachliche Darstellung des Phänomens der Essstörungen leicht gemacht.

Das vorliegender Buch bietet für die Behandlung der Anorexie und Bulimie auf der Grundlage der kognitiven Verhaltenstherapie ein erprobtes und stringentes methodisches Vorgehen an. Im ersten Buchteil werden zunächst grundlegende Informationen zur Symptomatik, Diagnostik, Epidemiologie und Ätiologie der Essstörungen zur Verfügung gestellt. Dieser gut verständliche Abriss kann auch diejenigen Berater informieren, die nicht direkt in der Therapie dieses Krankheitsbildes stehen, jedoch häufiger damit konfrontiert werden, dass ihre weibliche, beratungssuchende Klientel in der Vergangenheit oder zum Beratungszeitpunkt zusätzlich an einer Essproblematik leiden oder litten.

 

Als besonders gelungen betrachte ich in diesem Teil die Abhandlung über den Stand der Therapieforschung. Die schulenübergreifende Darstellung zeigt eine hohe Akzeptanz anderen Ansätzen gegenüber. Die Autoren stellen abschließend jedoch nüchtern und auch selbstkritisch fest, dass es „im Bereich der Anorexietherapieforschung ein ausgeprägtes Defizit an kontrollierten Therapiestudien“ gibt.

 

Im zweiten Teil werden die einzelnen Schritte des therapeutischen Vorgehens ausführlich vorgestellt. Für die Arbeit mit den Klienten und deren Bezugspersonen  stehen umfangreiche Arbeitsmaterialien zur Verfügung, die sich im Einsatz bewähren. Ich konnte die Erfahrung machen, dass, bei allen auch vorhandenen Änderungswiderständen bei den Patientinnen, die mit Material verbundenen Informationsübermittlungen Sicherheit vermittelten, dankbar aufgenommen wurden, und auch das Therapeuten - Patienten -Verhältnis positiv beeinflussten. Unter den detailliert beschriebenen Behandlungsschritten befinden sich z.B. Ausführungen über den Umgang mit Essen und Gewicht, über spezielle Techniken zur Reduktion von Heißhungerattacken und Erbrechen, den Umgang mit zugrundeliegenden Konflikten, die Bearbeitung der Körperschemastörung etc.. Aufgrund der präzisen Beschreibung des jeweiligen Vorgehens stellt das Buch, wie von den Autoren beabsichtigt, nicht primär ein Lehrbuch der Verhaltenstherapie dar, sondern bietet ein Therapiemanual mit konkreten Hinweisen für die therapeutische Praxis. Zudem ist der 3. Teil noch einmal besonders nutzbringend; er bietet ein Beispiel für ein standardisiertes Vorgehen, gekoppelt mit der Beschreibung der Inhalte einzelner Therapiesitzungen. Im umfangreichen Anhang werden alle verwendeten Materialien und Fragebögen zur Verfügung gestellt. Diese stellen eine hilfreiche Komplettierung dar und ermöglichen eine schnelle, schrittweise Umsetzung.

 

Resümierend empfehle ich die Lektüre dieses Buches obligatorisch allen im Bereich der Essstörungen verhaltenstherapeutisch arbeitenden Kollegen, jedoch auch denjenigen anderer Therapieschulen. In meiner Arbeit mit anorektischen und bulimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen konnte ich Teilbereiche der vorgestellten Konzepte gut integrieren; sie stellen eine sinnvolle Ergänzung meines eigenen Vorgehens dar.

 

Christiane Sanders, Psychotherapeutische

 Praxis Wetter (Ruhr)

 

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