Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn

 

 

Albert Lenz

Kinder psychisch kranker Eltern.

Hogrefe Verlag, Göttingen 2005  29,90 €

 

Die Kinder psychisch kranker Mütter oder Väter finden momentan in der psychiatrischen und psychosozialen Praxis kaum angemessene Beach­tung und Unterstützung. Auch in der Forschung hat die Thematik bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhalten – einmal abgesehen von den zahlreichen Studien, die dokumentieren, dass Kinder mit einem psy­chisch erkrankten Elternteil selbst ein höheres Risiko für die Entwicklung einer psychischen Störung aufweisen.

Aber wie erleben Kinder und Jugendliche die Erkrankung ihrer Mutter oder ihres Vaters? Was sind ihre Ängste und Sorgen? Welche Bewälti­gungsstrategien entwickeln sie, um mit dieser besonderen familialen Situation zurecht zu kommen? Wem können sie sich anvertrauen und welche Hilfsangebote würden sie sich wünschen?

Im Rahmen des vorliegenden Buches stellt Albert Lenz die Ergebnisse eines überwiegend qualitativ angelegten Forschungsprojekts vor, das u.a. darauf abzielt, genau diese subjektiven Erfahrungen anhand von umfang­reichen Interviews mit betroffenen Kindern und Jugendlichen abzubilden. Ergänzt wird die Perspektive der Kinder zum einen durch Befragungen erkrankter Eltern und zum anderen durch Interviews mit Experten aus den beiden Arbeitsbereichen Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe.

Das Buch gliedert sich in insgesamt vier übergeordnete Abschnitte:

Im ersten Abschnitt wird der aktuelle Forschungsstand zur Thematik prägnant und übersichtlich referiert, wobei sich die Darstellung an den drei, in diesem Zusammenhang relevanten Forschungslinien (Risiko-, Resilienz- und  Vulnerabilitätsforschung) orientiert.

Im zweiten Teil werden die Ergebnisse einer standardisierten Befragung von stationär aufgenommenen allgemeinpsychiatrischen Patienten, die Kinder unter 18 Jahren haben, präsentiert. Hier wurde  z.B. ermittelt, wie die Eltern den Informationsstand ihrer Kinder bzgl. der Erkrankung be­urteilen und ob therapeutische Hilfen für die Kinder gewünscht werden; zudem wurden Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Probleme der Kinder erfragt. Unter anderem wird deutlich, dass etliche Patienten bei ihren Kindern Verhaltensauffälligkeiten oder emotionale Schwierigkeiten beobachten und meinen, dass die Kinder nicht ausreichend über die Erkrankung informiert sind. Außerdem wird eine katamnestische Erhebung zur Zufriedenheit mit integrierten Mutter-Kind-Behandlungen in der Psychiatrie vorgestellt, die verdeutlicht, dass dieses Angebot von den Patientinnen außerordentlich positiv eingeschätzt wird.

Im Mittelpunkt des dritten und umfangreichsten Teils steht die Inter­viewbefragung von Kindern psychisch kranker Eltern. Hier erschließt sich vor allem die zumeist erhebliche emotionale Belastung der Kinder und Jugendlichen. Insbesondere Klinikaufenthalte der Eltern werden als gravierender Einschnitt erlebt, der mit Verlusterfahrungen, Gefühlen des Alleinseins und der Leere sowie Ängsten einhergeht, zumal die meisten Kinder in dieser Situation keinen verständnisvollen Ansprechpartner haben. Die Angst davor selbst eine psychische Störung zu entwickeln, gewinnt vor allem im Jugendalter an Bedeutung. Die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen ist kaum oder nur ausgesprochen vage über die psychische Erkrankung des Elternteils informiert, gleichzeitig offen­baren die Interviews aber den großen Wunsch nach mehr und konkreten Informationen sowie ehrlichen und offenen Antworten auf ihre Fragen. Abschließend zeigt Lenz die Möglichkeiten und Grenzen verschiedener professioneller Unterstützungs- und Hilfeangebote für die betroffenen Kinder und Jugendlichen auf.

Im vierten und letzten Teil steht schließlich die Expertenbefragung von Mitarbeitern aus Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe im Zentrum. Hier kristallisiert sich vor allem die Bedeutung einer Kooperation zwischen diesen beiden Hilfesysteme heraus, um ein sinnvolles und an­gemessenes Unterstützungsangebot für Kinder und Jugendliche zu etablieren. 

Insgesamt vermittelt dieses Buch einen tiefen Einblick in die Erfahrungs­welt von Kindern und Jugendlichen, die mit einer psychischen Er­krankung eines Elternteils konfrontiert werden. Zu Recht betont Lenz, dass diese subjektive Perspektive einen ganz besonderen Beitrag dazu leisten kann, professionelle Helfer für die Bedürfnisse und die Lebens­situation dieser Kinder und Jugendlichen zu sensibilisieren.

Die zahlreichen Interviewausschnitte lassen nicht nur einen ausge­sprochen lebendigen und authentischen Eindruck von der Gedanken- und Gefühlswelt der befragten Kinder entstehen, sondern ermöglichen es stets, die Schlussfolgerungen des Autors nachzuvollzuziehen.

 

Dr. Christine Kröger

 

Mehr zum Buch

 

Zurück zu den Buchbesprechungen