Besprechung aus: Beratung Aktuell,
Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
, 2 -2007
Peter A. Levine & Maggie
Kline
Verwundete Kinderseelen
heilen. Wie Kinder und Jugendliche traumatische Erlebnisse überwinden können
Kösel Verlag, München 2005, 22,95 €
Menschen, die etwas
Schreckliches erleben mussten, entwickeln zu etwa 22% die Symptome einer
Posttraumatischen Belastungsstörung (Posttraumatic Stress disorder, PTSD). Ob
diese Folgeproblematik sich ausbildet, hängt nicht allein an Art oder Inhalt
des Erlebnisses, sondern vor allem daran, wie hilflos, wie ausgeliefert sich
das Opfer fühlt. In diesem Fall setzt – zum Selbstschutz - die reguläre, bewusste Verarbeitung aus. Die
Erlebnisse werden nicht bis um Ende verarbeitet, sondern bleiben als ständig
gegenwärtige „Gespenster“ im Bewusstsein, die ungefragt und unsteuerbar
jederzeit ins Bewusstsein kommen können – oft genügt ein belangloser
„Schlüsselreiz“. Daraus folgt: Traumatische Erlebnisse dürfen niemals ohne
ausdrücklichen Wunsch des Opfers „aufgearbeitet“ werden – und, dass es oft
zunächst lange um Stabilisierung des Opfers und erst später oder nie um
Konfrontation geht. Die/der Traumatherapeut/-in muss dabei aushalten, ein Stück
weit sekundär mit traumatisiert zu werden, ohne zu direktiv vorzugehen.
Die Autoren
verfügen über eine langjährige Erfahrung mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen.
Sie wenden eine von ihnen entwickelte Methode, somatic experience ® an, die
versucht, die körperlichen Folgesymptome (z.B. Erstarrung, vegetative Mitreaktionen)
aufzulösen. Sie wenden aber auch viele Methoden der Stabilisierung und
Neubearbeitung an. Grundlage ist auch hier, dass traumatische Erlebnisse nicht
kortikal-bewusst, sondern nur halbbewusst mit Gehirnstrukturen verarbeitet
werden, die eher für Gefühle und körperliche Reaktionen verantwortlich sind („Reptiliengehirn“). Etwas überspitzt
formulieren die Autoren daher: „Das
Trauma befindet sich im Nervensystem – nicht im Ereignis!“ Die in den Fallvignetten
geschilderten Traumatisierungen sind denn auch sehr unterschiedlich – Unfälle,
Ehescheidungen, Mobbing in der Schule, Zeuge einer Schießerei, Zeuge familiärer
Gewalt (auch ohne selbst angegriffen zu werden!) Krankenhausbehandlungen (auch
z.B. als Neugeborenes), die mit den später auftretenden, oft ganz anderen
Symptomen in Zusammenhang gebracht werden. Auch ungeeignete Videospiele oder
Filme können bei Kindern posttraumatische Belastungsstörungen auslösen. Oft
versuchen die Betroffenen dann, das Erlebte zu verarbeiten, indem sie
ihrerseits aggressiv oder gewalttätig reagieren (dadurch entstehen
Folgekreisläufe, aber keine wirklich hilfreiche Verarbeitung). Die beschriebenen
Kernsymptome sind: „1. Übererregung, 2.
Kontraktion, 3. Dissoziation, 4. Empfindungen von Taubheit und Erstarren (oder
„Einfrieren“) verbunden mit Gefühlen von Hilf- und Hoffnungslosigkeit.“
Dissoziation kennzeichnet daher ein pathologisches Abdriften des Bewusstseins
bis hin zu Zuständen des scheinbaren Bewusstseinsverlustes. Dies werde oft von
Ärzten übersehen, da Verleugnung bereits eine milde Form von Dissoziation sei
(ob dies so ist, muss zumindest kritisch hinterfragt werden). Bei Jugendlichen
kommen abrupte Veränderungen wie Beziehungsabbrüche, Rückzug,
Stimmungsschwankungen etc. hinzu. Dabei können die Symptome nach Ansicht der
Autoren oft erheblich verzögert auftreten – im Einzelfall um Jahrzehnte.
Bei der
Erstversorgung von traumatisierten Kindern raten die Autoren „Seien Sie ein gutes Pflaster“ – eine
Instanz, die stabilisiert, ohne sofort zu heilen. Entscheidend ist hier die
Ruhe des Erwachsenen, die dem Kind vermittelt, dass es nicht hilflos ist, dass
der Erwachsene seine Traumatisierung erkannt hat und in der Lage ist, ihm zu
helfen und alle seine Empfindungen und Emotionen angenommen werden - und dass
das Erlebnis zeitlich begrenzt (und vorbei!) ist. Dabei kann auch eine Decke,
ein geschützter Ort, etwas zu trinken und- wenn vom Kind ausdrücklich
toleriert- körperliche Nähe eine wichtige Rolle spielen. Als erste Hilfe für
die Prävention von Traumata schlagen die Autoren acht Schritte vor:
Hierbei ist es
wichtig, keine Diskussionen über das Ereignis zu beginnen, z.B. Fragen zum
Hergang zu stellen oder gar Vorwürfe zu machen („Warum hast du nicht besser aufgepasst?“)
Auch die
„Schatzkiste für Empfindungen“ ist, wie viele weitere Übungen, ein Beispiel aus
etablierten Stabilisierungstechniken. Im weiteren geben die Autoren eine Fülle
von Hineisen zur spielerischen Bearbeitung von Traumata (Nachspielen als
„Neuverhandeln“ des Erlebten), Rollenspielen, aber auch zur körperorientierten
Bearbeitung, Musik oder durch gemeinsam entwickelte negative und positive
Reimgeschichten. Es werden konkrete Hinweise zu einzelnen möglicherweise traumatischen
Erlebnissen gegeben, z.B. Unfälle, Missbrauch, Scheidung der Eltern oder auch
Tod eines Haustieres. Gerade bei Missbrauch ist es wichtig, dem Kind Glauben zu
schenken und seine (spontanen, nicht intensiv erfragten!) Äußerungen nicht in
Frage zu stellen („invalidierendes Umfeld“, z.B. „Onkel Paul ist doch sonst so
nett“).
Zu Recht weisen die
Autoren darauf hin, dass eigene ungelöste Traumata des begleitenden Erwachsenen
diesen anfällig für starke emotionale und körperliche Mitreaktionen machen, so
dass die Gefahr besteht, dass ambivalente Botschaften an das Kind gesendet
werden. Der Erwachsene muss sich daher über seine eigenen Reaktionen im Klaren
sein. Wichtig auch: „Helfen sie ihrem
Kind zu trauern!“ Dazu gehört zum Beispiel nach einer Trennung, dass der
ausziehende Partner nicht herabgewürdigt wird, oder zu verstehen, dass Trauer
oft als Wut ausgedrückt wird (und das Kind dennoch zu umarmen). Die
abschließenden Empfehlungen (ein Kind im Krankenhaus vor der Behandlung
einfühlsam vorzubereiten und aufzuklären oder Jugendlichen die Möglichkeit zu
geben, allein mit dem Arzt zu sprechen) sollten selbstverständlich sein.
Das Buch ist eine
empfehlenswerte, fundierte Anregung für alle, die (im weitesten Sinne) mit
traumatisierten Kindern und Jugendlichen arbeiten. Besonders gut haben dem
Rezensenten die Kapitel und Beispiel zur stabilisierenden Erstversorgung
gefallen. In einigen Äußerungen würde der Rezensent dennoch zur Vorsicht raten-
so zum Beispiel bei der Äußerung, dass auch unbekannte Traumata verarbeiten
werden könnten, weil durch körperliche Reaktionen der Weg auf das Erlebnis frei
werden könne. Hier muss sicherlich gegen (Auto)- Suggestion abgewogen werden
(ein Therapeut sollte niemals ein Trauma offen vermuten, wenn der/die
Betroffene nicht davon berichtet hat – entweder weil er/sie noch nicht so weit
war oder es auch wirklich nicht wusste; in letzterem Falle löst es eine
erhebliche Dynamik aus in dem Sinne „wenn der Therapeut es sagt, muss da doch
etwas gewesen sein“.) Die erwähnten Zahlen, wonach 30-46% aller Kinder bis zum
18. Lebensjahr Opfer eines sexuellen Übergriffes würden, sind nicht
nachvollziehbar (Die Angaben sind wegen der möglichen Dunkelziffer oft
geschätzt, man geht von etwa 5 bis allenfalls 10% aus, was natürlich immer noch
zu viel und eine Straftat ist). Die bei Missbrauch auftretenden Symptome sind
oft unspezifisch und können Hinweise darauf sein, müssen es aber nicht. Der
Autor möchte vor dem gegebenen Rat, das Kind gezielt danach zu fragen,
ausdrücklich warnen, da bereits die Frage eine Retraumatisierung auslösen kann
(und, sollte es je dazu kommen, auch spätere polizeiliche oder gerichtliche
Ermittlungen erschwert werden). Anders ist es selbstverständlich, wenn das Kind
von sich aus traumatische Erlebnisse schildert: Dann muss der angesprochene Erwachsene unmittelbar Zeit für ein einfühlsames, verständnisvolles Gespräch
aufbringen.
Dr. med. Arne Schmidt, Herdecke