Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn , 4 -2007

 

 

Elizabeth Marquardt

Kind sein zwischen zwei Welten

Was im Inneren von Kindern geschiedener Eltern vorgeht

Junfermann Verlag 2007, Paderborn

 

Dass eine Scheidung eine zeitlich begrenzte und letztendlich eine leichte oder höchstens mäßige Wirkung auf betroffene Kinder habe, gehört zwar mittlerweile zum „Allgemeingut“ – ist aber dadurch nicht richtiger! Auch dann nicht, wenn es sich um eine "gute Scheidung" handelt, bei der die getrennten Partner weiter als Eltern kooperieren, beide ihr Kind lieben und ihrem Kind den Zugang zum je anderen Elternteil unkompliziert ermöglichen. Die empirisch gesicherten Erkenntnisse, die die Autorin beschreibt, widersprechen direkt den "Glaubensaussagen", mit denen Eheabbrecher versuchen, ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Statt ihrer sind ihre Kinder herausgefordert etwas zu leisten, was ihnen selbst nicht gelungen ist. Denn jedes Paar hat die Aufgabe im Laufe der Ehe die zwei unterschiedlichen Herkunftsgeschichten, Werte und Fähigkeiten zu einem neuen Ganzen zu integrieren, daraus eine neue Familienatmosphäre zu schaffen und Geschichte zu schreiben. Genau diese Aufgabe leisten Paare, die sich trennen nicht sondern überlassen dies, zwei unterschiedliche Lebenswelten zu integrieren ihren Kindern. So wirkt es auf Kinder nicht einmal entlastend, wenn die beiden geschiedenen Eltern relativ nah beieinander wohnen, da dies die Situation im Gegenteil sogar noch erschweren kann., Hier ist dann die Gefahr groß, dass das Kind sich jedes Mal zu sorgen beginnt, die Gefühle des einen zu verletzen, wenn es beschließt, den anderen Elternteil zu besuchen. Eine häufige Folge besteht darin, dass diese Kinder sich sehr früh wie Erwachsene verhalten müssen. Im Gegensatz dazu fühlten sich junge Menschen, deren Eltern zusammen geblieben waren, wesentlich seltener wie "kleine Erwachsene" - und dies galt nicht nur für glückliche, sondern auch für unglückliche (!), aber relativ konfliktarme Ehen.

Die Autorin selbst ist Kind einer "glücklichen Scheidung". Keinesfalls will sie ihren Eltern Vorwürfe machen und betont ausdrücklich, dass es Situationen geben kann, in denen eine Scheidung ein sinnvoller Weg sei. Allerdings weist sie darauf hin, wie eine Scheidung die Kindheit verändert. So zwingt eine Scheidung Kinder dazu, ständig Geheimnisse zu wahren, selbst wenn ihre Eltern sie nicht ausdrücklich dazu auffordern. Sie beschert ihnen  einen andauernden Konflikt zwischen den Welten ihrer Eltern, der in ihren Inneren stattfindet.

Die Aussagen des Buches basieren zum einen auf persönlichen Interviews mit über 70 College-graduierten im Alter von 18 bis 35 Jahren, einer Gruppe, die wie die Autorin selbst relativ erfolgreich war. Die eine Hälfte bestand aus getrennten Familien, die anderen aus intakten. Zusätzlich zu den persönlichen Gesprächen basieren die Aussagen auf einer Fragebogen Erhebung, die nach einer Zufallsstichprobe durchgeführt wurde. Diese bestand aus 1500 Erwachsenen gleichen Alter, die auch zur Hälfte aus getrennt lebenden Familien und zur anderen Hälfte aus intakten Familien stammten. Auch hier waren die Ergebnisse und Reaktionen der Teilnehmer verblüffend unterschiedlich, obwohl einige der aus intakten Familien stammenden Teilnehmer berichteten, die Ehe ihrer Eltern sei nicht glücklich gewesen.

Nach der Lektüre dieses Buches kann und darf man die körperlichen und seelischen Schäden für Kinder nach Trennung und Scheidung nicht mehr klein reden!  Ich würde mir wünschen, dass bei vielen Paaren, die vor einer Trennung stehen, diese Lektüre wie ein "Hallo Wach!" wirkt und dass sie auf Eheberater und Paartherapeuten stoßen, die nicht "ergebnisoffen" sind sondern zielorientiert ihnen helfen, die anstehenden Probleme zu klären und zu bewältigen. Kolleginnen und Kollegen in der Eheberatung sollten der Sanierung und Stabilisierung von "Ehen vor dem Aus" ihrerseits höchste Priorität beimessen.

 

Dr. Rudolf Sanders