Besprechung aus: Beratung Aktuell,
Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
, 1 -2007
Tilly Miller
Dramaturgie von Entwicklungsprozessen
ein Phasenmodell für professionelle Hilfe in
psychosozialen Bereich
Lucius & Lucius Verlag Stuttgart, 22,00 €
Persönliche Entwicklung begleiten, ja, das wollen die meisten Beraterinnen und Berater. Aber was genau ist mit Entwicklung eigentlich gemeint. Wie unterscheidet sie sich von Veränderung? Dies wird eingangs an dem Beispiel mit einem Brathähnchen erläutert. Aus dem Ei schlüpft ein Küken, das sich zum Hähnchen entwickelt. Hierbei kann man von einem logischen biologischen Entwicklungsprozess sprechen. In dem Moment, wo das Hähnchen geschlachtet wurde und in der Bratröhre brutzelt, handelt es sich nicht mehr um eine Entwicklung, sondern um eine Veränderung. Die Folge eines Entwicklungsprozesses ist eine größere Komplexität, denn der Hahn ist nun einmal komplexer als das Ei. Das Brathähnchen hingegen wird zwar mit allerlei Gewürzen verfeinert, ist deswegen aber nicht komplexer, im Gegenteil, es fehlt ihm die Komplexität des Lebens. Und um die Entwicklung der Komplexität im menschlichen Leben geht es in diesem Buch. Es bietet ein Modell von Entwicklungsprozessen in einzelnen Stufen an: die Up-and-Down-Phase, die Verdichtungs- und Wendephase, die Entwicklungsphase und die neue Entwicklungsstufe. So hilft das Modell im Prozessverlauf die Orientierung zu behalten. Es zeigt Merkmale auf, die sich diagnostisch nutzbar machen lassen und ist somit ein Navigationsinstrument für das konkrete Handeln. Es wirkt entlastend, weil Dynamiken, zum Beispiel Rückwärtsschleifen und Abwehr von Hilfeangeboten besser einzuordnen sind.
Besondere Bedeutung wird einem in der Beratung häufig unterschätzten Thema, das des Lernens beigemessen. Hierbei bezieht sich Miller auf die aktuellen Ergebnisse der Gehirnforschung und fordert in der Beratung Lernräume zu schaffen, um Entwicklung angemessen und erfolgreich begleiten zu können. „Gewürzt“ und dadurch sehr nachvollziehbar, ist das Werk durch den immer wieder gelungen Bezug zu autobiografischen Veröffentlichungen unterschiedliche Autoren, in denen diese verschiedenen Phasen der Entwicklung nachvollziehbar werden.
Dr. Rudolf Sanders