Besprechung aus: Beratung Aktuell,
Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
Haim Omer & Arist
von Schlippe
Autorität durch Beziehung. Die Praxis des
gewaltlosen Widerstands in der Erziehung. Göttingen: Vandenhoeck
& Ruprecht, 2004, € 19,90
Zwei
Jahre nach ihrem ersten gemeinsamen Buch „Autorität ohne Gewalt“ legen Haim Omer und Arist von Schlippe einen Folgeband vor, der Autorität mehr in Bezug
auf einen „positiven“, ausbaufähigen Aspekt diskutiert: Beziehung. Das „ohne
Gewalt“ des ersten Bandes wird nun ersetzt durch das Leitmotiv des „gewaltlosen
Widerstands“. Wilhelm Rotthaus weist in seinem Vorwort darauf hin, dass in den
nun vorliegenden Ausführungen deutlicher als im Vorgängerband auf den Aspekt
der Haltung Bezug genommen werde. Dies verringert das Risiko, die diskutierten
Ideen in erster Linie als Techniken miss zu verstehen. Die Autoren selbst
kennzeichnen ihren Ansatz als den „Versuch, die Lehre des gewaltlosen
Widerstands auf extreme Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen zu
übertragen“ (S.15). Sie wählen dazu einen selbstorganisationstheoretisch
inspirierten Blickwinkel. Es gehe darum, einen Rahmen für die Möglichkeit
konstruktiver Beziehungsentwicklung zu erarbeiten, bzw. zur Verfügung zu
stellen. Aus systemischer Sicht gewinnen dabei die Bereitschaft zur Suche nach
ausbaufähigen Ausgangspunkten und die Bereitschaft ,
das Geschehen in weitergehende soziale Bezüge einzubetten, eine entscheidende
Bedeutung. Respektieren und öffentlich machen sind somit zwei Schlüsselbegriffe,
die das Konzept tragen. Praktisch mündet das in ein unverdrossenes Bemühen um
ein „Geflecht von Beschreibungen, in dem sich jeder Einzelne gut fühlen kann,
im Wissen um die eigenen Möglichkeiten und mit einem guten Selbstwertgefühl
versehen“ (S.28).
Die wesentlichen Konzepte, wie „elterliche Präsenz“, werden im
vorliegenden Band kurz und schlüssig wiederholt. Auch viele der im ersten Band
diskutierten Vorgehensweisen finden sich wieder. Somit können sich auch LeserInnen gut zurecht finden, die
den Vorgängerband nicht gelesen haben. Umfangreicher diskutiert werden die
Themen Gewalt gegen Geschwister, des weiteren Kinder, „die die Herrschaft im
Haus übernehmen“, und das Thema der Kooperation von Eltern und Schule. Viele
Fallvignetten erläutern die vorgestellten Ideen nachvollziehbar. Deutlich wird,
dass „gewaltloser Widerstand“ ein klares und starkes Profil erfordert:
„Empathie und Verständnis, so wichtig sie sein mögen, müssen neben eine klare
Einstellung treten, die Gewalt als solche benennt und ihr entschlossen
widersteht“, heißt es an einer Stelle (S.37) und: „Jede Unterdrückung basiert
auf einer stillschweigenden Zustimmung der Beherrschten“ (S.48). Immer wieder
geht es darum, gewalttätigem Verhalten sofort, eindeutig und nachhaltig zu
begegnen. „Begegnen“ sollte hier durchaus im Wortsinn verstanden werden.
Begegnen ist etwas anderes als bekämpfen. Wenn schon kämpfen, dann um und für
das Kind, nicht gegen es. Dies ist sicher leichter gesagt als getan. Die
Anregungen der Autoren dürften sich dabei als hilfreich erweisen. Als
Hilfsmittel aus dem „Notfallkoffer“ werden u.a. das
Sorgen für genügend inneren Abstand genannt („das kalte Eisen“ als
wiederkehrendes Bild), sowie das tragfähige Vernetzen mit unterstützenden
Personen aus Familie, Bekanntenkreis oder Gemeinde. Zur Unterstützung für
betroffene und interessierte Eltern sowie andere Beteiligte findet sich im
Anhang „Das Handbuch zum gewaltlosen Widerstand – Eine Anleitung für Eltern“.
Erkennbar wird das Bemühen der Autoren, ihre Ideen zur Umsetzung des Konzeptes
„gewaltloser Widerstand“ von trivialen Verkürzungen abzugrenzen. Seinen
deutlichsten Ausdruck findet dies m.E. im steten
Betonen der Bedeutung von Respekt. Die Praxis gewaltlosen Widerstands wird
immer wieder als „Respektarbeit“ bezeichnet. Dass dies nicht nur ein Kernstück
erzieherischen Wirkens in der Familie ist, sondern darüber hinaus auch ein politisch
bedeutsames Thema, wird durch ein eigenes Kapitel „Gewaltloser Widerstand in
der Gesellschaft“ zu Recht unterstrichen.
Den Autoren gelingen viele alltagstaugliche und lebensvalide
Beschreibungen, die Verhaltensanregungen plausibel rahmen, wie etwa: „Es genügt
oft, wenn die Mutter oder Vater sagt: ‚Ich bin damit nicht einverstanden. Ich
komme darauf zurück!’“, eine selbst unter Stressbedingungen handhabbare
Variante, zum „kalten Eisen“ beizutragen (S.76). Oder bei sich widersprechenden
Informationen zu sagen: „Wir können nicht beurteilen, ob alle Details wahr
sind. Deshalb werden wir unsere Aufsicht und Überwachung intensivieren, sodass
Dinge wie diese auf jeden Fall nicht passieren können!“ (133). Dabei lassen die
Autoren keinen Zweifel daran, dass es Arbeit macht, sich auf die geschilderten
Ideen einzulassen. Wie schon im Vorgängerband werden keine Wunder versprochen.
Auch gibt es noch keine stichhaltigen Aussagen zu Indikation und
Kontraindikation, wie die Autoren selbst konzedieren. Es bleibt also noch
genügend zu tun. Der vorliegende Band könnte dazu beitragen, zum Weitermachen
(oder Beginnen) in schwierigen Zeiten zu motivieren.
Zurück zu
den Buchbesprechungen