Besprechung aus: Beratung Aktuell,
Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
, 1 -2007
Resch, F.; Schulte-Markwort,
M. (Hrg.)
Kursbuch für integrative
Kinder- und Jugendpsychotherapie. Schwerpunkt: Psyche und Soma.
Beltz Verlag, Weinheim Basel 2006, 49,00 €.
Das Buch beginnt
mit einem eher erkenntnistheoretischen Review zum Problem der Verbindung
zwischen Leib und Seele (und umgekehrt), woraus das schon bekannte Modell des
Menschen als „biopsychosozialem“
Wesen hervorgeht. Das Gehirn mit seiner extrem komplexen Struktur sei in der
Lage, sein eigenes Funktionieren zu modellieren, zum Beispiel durch Meta-
Repräsentationen von Informationsverarbeitungsprozessen im präfrontalen Kortex.
Das „Selbst“, also die Instanz, die für biographische Kontinuität durch Bewusstsein
sorgt, entstehe in Homöostase zwischen Stabilität und Adaptivität. Das Selbst
ist „der mentale Nachfolger des inneren
Milieus des Organismus (Damasio 2001)“. Grundlagen des Selbst seien 1.
Gemeinsamer Input, 2. Synchronisation, 3. Modulatorische Systeme,
4.Konvergenzzonen, 5. Arbeitsgedächtnis, 6. Emotionen, 7. Motive und 8.
Autobiographisches Gedächtnis. Die Autoren selbst erkennen an, dass der Sprung
zwischen Gehirn und Geist, Bewusstsein und Materie nicht ohne weiteres zu
schließen ist – immerhin formulieren sie dadurch indirekt den Menschen auch als
geistiges Wesen. Die Grundgedanken sind – dies als Exkurs außerhalb des
rezensierten Buches - nicht ganz neu,
wie v. Weizsäcker bereits 1940 in seinem „Gestaltkreis“ formuliert. "Der Kernpunkt wäre (...) dass ich
meine Krankheit nicht nur bekomme und habe, sondern auch mache und gestalte;
dass ich mein Leiden nicht nur dulde und fortwünsche, sondern auch brauche und
will."- Diese "Einführung
des Subjektes in die Pathologie" ist bis heute bahnbrechend geblieben,
wie die Äußerungen von Bräutigam und Christian (1981) zeigen: "Psychosomatik zwingt zur
Individualdiagnose und zur Individualtherapie; sie erfordert Einführung des
Subjektes. (...) Die Sinngebung kann oft nur die eines Geschehens sein, das
naturhaft gegeben, erlitten, geduldet wird. Die Psychosomatik ist da in ihrem
Element, wenn der Mensch in der Sinngebung sich als jemand erlebt, der
mitgewirkt hat und in seiner heilsamen Einsicht sich in seiner leibseelischen
Entwicklung umzuformen vermag (...). Das Verstehen der Krankheit im Kontext
einer Hermeneutik der Lebensgeschichte auf dem gemeinsamen Boden der
Solidarität von Arzt und Patient, stellt die Rolle des distanziert und
unbeteiligt beobachtenden Wissenschaftlers in Frage." Nach Hoffmann & Hochapfel (1987) umfasst
der Begriff der Psychosomatik folgende unter anderem „eine ärztliche Grundeinstellung,
die bei Diagnostik und Therapie seelische Faktoren mit
berücksichtigt".
Im folgenden
beschreiben die Autoren die dissoziative und Konversionsstörung als grundlegendes
Beispiel ausführlich mit Symptomatik
(nach ICD 10 u.a.), Epidemiologie, Ätiologie und Pathogenese, Risikofaktoren,
Verlauf und Prognose sowie Behandlungskonzepten. Hierbei wird dem aktuellen
Forschungsstand der Hirnphysiologie ein hoher Stellenwert eingeräumt, wogegen
die Schilderung der Therapie etwas knapper ausfällt - dies vielleicht deshalb,
weil danach ein grundlegender Überblick über aktuelle Entwicklungen und Therapieschulen:
Individualpsychologie (und Kinderpsychoanalyse), integrative Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
und Kunsttherapie folgt. Danach folgt ein „Forum: Psyche und Soma“ mit Kapiteln zu deren Wechselwirkung, zur Frage,
welchen Beitrag die „Epigenetik“ zum Verständnis der Wechselwirkung zwischen
Genen und Umwelt leistet, zu Psyche und Soma in der Kinderonkologie und zur Behandlung
somatoformer Störungen. Das Buch schließt mit drei ausführlichen Kasuistiken zu
diesen Erkrankungen und zu einer Essstörung (Anorexie) ab.
Der integrative
Ansatz der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wird im entsprechenden
Kapitel am deutlichsten. Hier geht es um die Integration von Körpererfahrung,
Beziehungsgestaltung, Selbst- und Interaktionsregulierung. In der
Beziehungsgestaltung als Methodik der Selbst- und Interaktionsregulation werden
die leiblich- sensorische Form, die mentalisierende, symbolisch-repräsentative
Form, die sozialisierende, wertorientierende Form und die
entwicklungsorientierte, ressourcengerichtete und nachhaltige Form der
Beziehungsgestaltung beschrieben. Das Kapitel zur Kunsttherapie fußt auf
psychoanalytischen Grundannahmen.
Die beschriebene
„Epigenetik“ ist als „Studium der Gene
während der Entwicklung“ definiert und „verknüpft
damit Vererbung, Entwicklung und Evolution (Horsthemke 2005)“. Es geht
dabei um Aktivierungs- und Inaktivierungsmuster von Genabschnitten, die an die
nächste Zellgeneration weiter gegeben werden, was bedeutet, dass es Vererbung
außerhalb der Genetik, im Extremfall Vererbung von Erfahrung geben könnte –
wofür es noch wenig konkrete Hinweise gibt; die Autoren beziehen sich hier auch
eher auf die Genese neurologischer Erkrankungen und der Schizophrenie.
Die Herausgeber
sind ausgewiesene Experten und Lehrstuhlinhaber im Bereich der Kinder- und
Jugendpsychotherapie und besonders der Psychoanalyse. Ihr Verdienst ist es,
erneut auf das Leib- Seele- Problem (und den Menschen als geistig- seelisch-
leibliches Wesen) fundiert aufmerksam zu machen und hierbei die neuesten
genetisch- physiologischen Erkenntnisse zu referieren, die dieses Thema eindrucksvoll
untermauern und in dieser Hinsicht möglicherweise einen Schritt nach vorn zu
einer neuen Sichtweise bedeuten. In den Kapiteln zur Behandlung von
onkologischen Erkrankungen und somatoformen Störungen werden durchaus auch
praktische Hineise zur Therapie gegeben (u.a.: Gabe von Placebos in diesem
Bereich ist ein Kunstfehler!). Ansonsten ist das Buch jedoch eher akademisch ausgelegt
und damit ein Beitrag zur Psychotherapieforschung – und für den hierin
Interessierten zweifellos interessant. Jedoch gibt es logische Sprünge. So ist
zum Beispiel nicht nachzuvollziehen, warum gerade die hier ausführlich erwähnte
psychoanalytische Schule besonders zur Integration von psychischer und
somatischer Problematik bzw. Erleben beitragen soll – vor allem wenn zu Beginn
im Kapitel zu Konversionsstörungen noch die kognitive und Verhaltenstherapie
als Therapieoption der Wahl ausdrücklich erwähnt wird.
Dr. Arne Schmidt, Herdecke