Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn

 

Arnold Retzer

Systemische Paartherapie, Konzepte – Methode - Praxis

Klett- Cotta 2004 , 31€

 

Fragt man Kollegen über ihre Arbeitsweise in Eheberatung und Paartherapie so fällt sehr häufig das Wort systemisch.  Informiert man sich genauer, was sie eigentlich  damit meinen, erfährt man selten etwas Konkretes. Deshalb ist es für die Profession  Paarberatung mehr als dankenswert, dass der Autor in dem vorliegenden Werk Systemische Paarberatung definiert, ihre Konzepte, Methode und Praxis vorstellt.  Diese definiert nicht die Personen als System, sondern im Sinne „Sozialer Systeme“ von N. Luhmann Sinn und Funktionssysteme.  Diese entstehen durch Kommunikation. Deshalb wird nicht von Personen - sondern von bei diesen beobachtbarem Verhalten ausgegangen, von dem dann auf dem ihm inne wohnenden Sinn geschlossen wird.

Der Autor beschreibt systemische Paartherapie als eine lehr- und lernbare Professionalität, als ein Handwerk.  Zu diesem gehören etwa das zirkuläre Fragen, die Neutralität des Beraters oder die Kunst der Beschreibung. Gut nachvollziehbar wird dieser Ansatz durch die Beispiele in Therapieprotokollen. Spannend und herausfordernd für jeden Paartherapeut sind seine Definitionen der für ihn grundlegend verschiedenen Sinnsysteme von Liebe und Partnerschaft mit den ihnen implizit verschiedenen Handlungslogiken. Erhebt Liebe für ihn den Anspruch auf Bedingungslosigkeit und Absolutheit -  man liebt ganz oder gar nicht, man muss großzügig auf Gerechtigkeit verzichten, sie ist Überwältigung und/oder freiwillige Unterwerfung - verlangt Partnerschaft nach Festlegung von Regeln, nach verlässlicher Einhaltung dieser Regeln und nach Gerechtigkeit. Sie ist eine Art demokratisch politisches System mit rechtlicher Absicherung innerhalb der Paarbeziehung, die das Verhandeln persönlicher Interessen und die Verteilung und Bemessung von Leistungen überwacht und damit der moralischen Willkür der Liebe einen Riegel vorschieben kann. Das zentrale Medium dieses paartherapeutischen Ansatzes ist die Sprache, ein Konversationsprozess als Austausch von Fragen und Aussagen.

Der Beschreibung dieses paartherapeutischen Ansatzes fehlt nur noch die Überprüfung seiner Effektivität und Effizienz.  Wenn man zum Beispiel einmal davon ausgeht, dass Paare in der Eheberatung mit durchschnittlich acht ungelösten Problemen - die häufig zu heftigen Konflikten führen und in der Regel die emotionale Binnengestaltung des Paares betreffen - kommen, wäre es interessant zu wissen, inwieweit  diese Anzahl am Ende der Beratung reduziert ist.

Trotz der noch fehlenden empirischen Wirksamkeitsprüfung handelt sich um ein wichtiges Werk, da es die paartherapeutische Szene im Sinne der Professionalisierung nach vorne bringt. Es definiert deutlich, was genau Systemische Paartherapie meint. Ratsuchende selbst habe Nutzen, da sie etwas klüger über ihr eigenes Paarsystem werden und leichter heraus zu finden, welche Therapie für sie geeignet ist.

 

 

Mehr zum Buch

 

 

Zurück zu den Buchbesprechungen