Besprechung aus: Beratung Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn

 

 

Arist von Schlippe, Willy Christian Kriz (Hg.).

Personzentrierung und Systemtheorie. Perspektiven für psychotherapeutisches Handeln. Göttingen 2004, Vandenhoeck & Ruprecht, € 24,90

 

Zum 60. Geburtstag von Jürgen Kriz haben die beiden Herausgeber eine bemerkenswerte Publikation auf den Weg gebracht. Mehr als ein Dutzend AutorInnen tragen zu einem Kaleidoskop von Überlegungen, Anregungen und neuen Fragen bei, die sich im weitesten Sinn um das Thema sortieren, wie im Durcheinander des Lebendigen Strukturen gedeutet, erfunden und nutzbar gemacht werden, und dies auf eine Art und Weise, die sowohl der Komplexität des Lebendigen gerecht wird als auch den Nöten und Hoffnungen des erlebenden Einzelnen. Es ist unbestritten ein Verdienst von Jürgen Kriz, in den je nach Lage euphorisierenden oder verwirrenden „Heurekas“ systemtheoretisch abgeleiteter Ordnungsdeutungen dafür zu sorgen, die individuell erlebende Person nicht aus dem Blick zu verlieren. Daher auch Person- und nicht Personenzentrierung: „Jede Kommunikation muss (...) stets durch das ‚Nadelöhr‘ persönlicher Wahrnehmungen, Sinndeutungen – kurz: Narrationen -, bevor eine andere „Kommunikation ‚anschließt‘“ (S.47), Kriz beschreibt somit Systeme in erster Linie als subjektiv gedeutete und erlebte Systeme, ein Ansatz, der ihn zu einer klaren (und manchmal heftig vorgetragenen) Kritik an differenztheoretischen Systemkonstrukten im Sinne Luhmanns führt. Dabei erscheint der humanistisch fundierte Ansatz Kriz‘ erst einmal in keiner Weise „tröstlicher“ als etwa Luhmanns messerscharfe Argumentation. Im Gegenteil, sie erfordert ebenfalls die Bereitschaft, sich mit einem komplexen Begriffsinstrumentarium auseinanderzusetzen und auf naturwissenschaftlich abgeleitete Abstraktionen Bezug zu nehmen.  Sein zusammenfassender Überblick über „Grundfragen und Kernaspekte“ der Personzentrierten Systemtheorie macht das trotz seiner guten Lesbarkeit klar. Kriz macht nicht weniger Arbeit als Luhmann, allerdings macht das „Mut“ in seinen Zumutungen einen anderen Sinn. Eine Übertragbarkeit zu Fragen der Unausweichlichkeit und Möglichkeit persönlicher Verantwortung ergibt sich wie von selbst. Jürgen Kriz gehört zu den Mut machenden Mahnern.

Die zu Person und Werk Jürgen Kriz‘ korrespondierenden Beiträge der anderen AutorInnen umfassen ein weites Feld. Versammelt sind unter anderem Diskussionen aus dem Bereich der Theorie komplexer dynamischer Systeme und Synergetik, aus dem Bereich (Psycho-) Therapie und Psychotherapieforschung, und zu den Friktionen im Hinblick auf Handlungssteuerung in der Arbeitswelt. Auch andere Beiträge stehen für entsprechend Interessierte zur Verfügung, etwa ein existenzanalytischer Beitrag zum Spannungsfeld Chaos und Ordnung. Deutlich wird, wie sehr Jürgen Kriz mit seinen Arbeiten und sicher auch mit seiner Person in die „Szene“ hinein wirkt, Günter Schiepek etwa beginnt seinen Beitrag zum „Synergetischen Prozessmanagement“ mit einem langen Zitat von Kriz, in dem dieser ein extensives Anforderungsprofil für das skizziert, was Systemtheorien sinnvoll zu berücksichtigen und zu verknüpfen hätten. Deutlich wird jedoch auch, wie weit über die Szene hinaus Jürgen Kriz anregt.

Nicht alle Beiträge lesen sich so amüsant und unmittelbar nachvollziehbar wie der von S. Greif, der mit Beispielen aus der Arbeitswelt darüber nachdenkt, „Wie sich das ganz normale Chaos beim Handeln selbst organisiert“. Mancher der anderen Beiträge klingt ambitioniert und weit reichend (Tschacher, Schiepek, die im übrigen keinen Bezug aufeinander nehmen). Tschacher diskutiert, wie er „Kognitive Selbstorganisation als theoretische Grundlage eines personzentrierten Ansatzes“ sieht und gewichtet. Schiepek skizziert sein Konzept „Synergetisches Prozessmanagement“ und lässt erahnen, wie unter Einsatz neuester Technik die individuelle Person auf dem Umweg über deren Abstraktion im Rahmen einer Vielzahl von Messungen wieder ins Zentrum kommt. Mir erscheint der Ansatz plausibel und viel versprechend, doch dürfte es noch etwas Mühen kosten, den Charme eines „real time monitoring“ an den einer  echtzeitlichen persönlichen Begegnung heran zu führen (ob es wohl damit zusammen hängt, dass die Herausgeber in diesem Beitrag einmal das Wort „personenzentriert“ haben durchgehen lassen?). Was hier anklingt, ist die Bedeutung von erlebter Beziehung in ihren Auswirkungen für das therapeutische Geschehen. Hierzu setzen Eckert & Biermann-Rathjen einen grundsätzlich zu Schiepek passenden, aber in Theorie und Praxis klar unterschiedlich eingebetteten Akzent. Die AutorInnen unterstreichen in ihrem lesenswerten Beitrag die „Notwendigkeit einer differenziellen Indikation für Psychotherapie“. Eine Vielzahl neuerer Forschungsergebnisse lässt sich (vorsichtig formuliert) so zusammenfassen: „Je weniger die Erfahrungsbereitschaften des Patienten und das konkrete therapeutische Beziehungsangebot einander widersprechen, umso günstiger ist das für einen Erfolg versprechenden Therapieprozess“ (S.205). Das ist sicher keine Zauberformel, verweist jedoch zwingend auf die Notwendigkeit, das Erleben der Person zu berücksichtigen, der ein Hilfeangebot gilt und sich darauf einzustellen. Letzteres verweist für meine Begriffe dann auch darauf, dass Personzentrierung nicht nur das Berücksichtigen des Anderen als Person meinen kann (also keine Objektivierung des Personbegriffs), sondern auch die selbstreflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Person. Sich auf einen anderen einzustellen ist schließlich kein trivialer Akt.

Am meisten hat mich gefreut, wie es wirkt, wenn ein wirklich souveräner Meister mit geradezu bescheiden anmutenden wenigen Worten ein weites Feld auf einige grundlegende Punkte bringt, dabei wie beiläufig entscheidende Unterschiede in den Begrifflichkeiten aufzeigt (die - wie mir scheint - auch in diesem Buch gelegentlich vermengt werden), und sowohl den großen Nutzen des Lebenswerks aufzeigt als auch selbstverständlich eingrenzt auf einen begründeten Phänomenbereich. Hermann Haken, der Begründer der Synergetik,  macht es uns (wieder einmal) vor. Er doziert nicht über Grundlagen, sondern gibt zwei „kurze Erinnerungen“ an die Theorie dynamischer Systeme und an die Synergetik. Der Unterschied zwischen beiden wird friedlich deutlich. Und in der Bereitschaft der Synergetik, „von vorne herein das Zufallsmoment“ mit zu berücksichtigen, liegt vielleicht sowohl die Einsicht begründet, dass sich bei „Anwendungen der Synergetik auf Psychologie, Soziologie und verwandte Gebiete (..)  auch fundamentale Grenzen auftun“ (S.73) als auch ein Blick über den Tellerrand: „Die Ergebnisse der Synergetik lassen nicht nur Spielraum für feine menschliche Zwischentöne, für Empathie, sondern sie zeigen auch direkt deren Notwendigkeit auf“ (S.75). Und schließlich: „All dies führt uns auf die schon längst von Jürgen Kriz gewonnenen Erkenntnisse zurück“ (S.76). Was dieses Buch auf’s Beste dokumentiert. Bleibt, Jürgen Kriz zu wünschen: Ad multos annos!

Wolfgang Loth, Beratungsstelle Leichlingen

 

 

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