Besprechung aus: Beratung
Aktuell, Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag
Paderborn , 4 -2007
Ulrich Streeck
Psychotherapie
komplexer Persönlichkeitsstörungen
Grundlagen der
psychoanalytisch-interaktionellen Methode
Klett Cotta
2007 Stuttgart, 30 €
Die letzten drei Jahrzehnten der
Berater Ausbildung großer Verbände waren insbesondere psychoanalytisch
ausgerichtet. Insofern dürfte der vorliegende Band eine echte Bereicherung für
deren Beraterinnen und Berater sein, selbst wenn man zunächst einmal die
Vermutung hat, dass Menschen mit komplexen Persönlichkeitsstörungen in
ambulanter oder stationärer Psychotherapie behandelt werden. Und doch treffen
wir in der Beratung immer wieder auf Phänomene in der Beziehungsgestaltung, mit
denen Ratsuchende sich ihr Leben schwer machen, ohne dazu einen Zugang zu
haben, wie genau das geschieht.
Deshalb steht in der psychoanalytisch-interaktionellen Therapie nicht das
psychische Erleben an erster Stelle, vielmehr trägt diese Form der Therapie in
besonderer Weise dem Zusammensein mit anderen Rechnung, die Teilnahme der
Ratsuchenden an Interaktion und deren interaktiver Gestaltung von Beziehungen.
Die soziale Lebenswelt ist somit der zentrale Gegenstandsbereich der
therapeutischen Arbeit. Unterschieden wird zwischen entwicklungs- und
konfliktbedingten Störungen im Miteinander. Probleme von Ratsuchenden mit
strukturellen Störungen, ihr Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten, affektive
Zustände in einem mittleren Bereich zu regulieren und an reziproken Beziehungen
zu anderen teilzunehmen, sind in erster Linie auf Entwicklungsbeeinträchtigungen
in der frühen Kindheit zurückzuführen. Wählt man den Vergleich mit einem
Bauwerk, könnte man strukturelle Störungen auch mit Beeinträchtigungen an den
Fundamenten vergleichen, auf denen unbewusste Konflikte aufruhen, deren
Konstruktion wesentlich von den Eigenschaften des Fundamentes geprägt werden.
Das Wissen darum kann z.B. scheinbare Konflikte von Beziehungspartnern, die im
Rahmen der Eheberatung deutlich werden, unter einem ganz anderen Gesichtspunkt
verstehbar machen. So sind Menschen mit schweren strukturellen Störungen in
spezifischer Weise an ihrem sozialen Umfeld gebunden. Sie benötigen andere
Personen mehr als üblicherweise der Fall ist, um ihre Selbstregulation und die
Regulierung von Beziehungen zu sichern und aufrechterhalten zu können. Solange
ein relatives psychosoziales Gleichgewicht gewährleistet ist, können die
basalen strukturellen Störungen unbemerkt bleiben. Ändern sich aber äußere oder
innere Bedingungen, fühlt sich etwa der Partner auf Dauer überfordert, kann es
zu Dekompensation kommen.
Wie mit solchen Ratsuchenden bzw.
Klienten zu arbeiten ist, wie das Beziehungsverhalten des Beraters aussehen
muss, wie ein therapeutisches Gespräch zu führen ist, wird ausführlich
beschrieben. Insbesondere kommt der Therapie in und mit Gruppen eine zentrale
Bedeutung für die Behandlung solcher Störungen zu. Mir selber als Eheberater
und Paartherapeut hat dieses Buch eine Fülle an Anregungen gegeben, Beziehungsberatungen
unter neuen Gesichtspunkten zu verstehen und zu strukturieren. Um Ratsuchenden
immer effektiver helfen zu können, kann ich es nur dringend allen Kolleginnen
und Kollegen empfehlen.
Dr. Rudolf
Sanders