Besprechung aus: Beratung Aktuell,
Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Junfermann Verlag Paderborn
Peter Winterhoff-Spurk
Kalte Herzen - Wie das
Fernsehen unseren Charakter formt
Klett Cotta 2005, €
19,50
Auf den Präventionskongress psychischer Störungen im Juni 2005 in Köln wurde an
Hand von Untersuchungen aufgezeigt, welche Auswirkungen regelmäßiger
Fernsehkonsum und Computerspiele auf Kinder und Jugendliche haben: Sie werden dick, dumm und traurig. Insbesondere mit dem letzten,
den Auswirkungen auf die Seelenlage der Zuschauer beschäftigt sich das
vorliegende Buch. Der Autor, ein ausgewiesener Experte auf der Gebiet der Medien Psychologie kommt nach über
20-jähriger Forschungs- und Lehrtätigkeit zur Überzeugung,
dass die Medien, vor allen voran das Fernsehen, die
psychischen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die die Menschen einer
bestimmten Epoche und Kultur gemeinsam haben, verändert.
Dieses wäre grundsätzlich nicht weiter schlimm, weil jede Gesellschaft sich
in stetigem Wandel befindet und dies
noch allein keine Besorgnis auslöst. Aber die Eigenschaften und
Verhaltensweisen, die durch die Medien manipuliert werden,
lässt schlimme Folgen für den Einzelnen wie für die Gesellschaft befürchten.
Das Ergebnis sind „kalte Herzen“. Ursache dafür ist insbesondere das
„Affektfernsehen“, kennzeichnet durch Personalisierung, Authentizität,
Intimisierung und Emotionalisierung. Die Sendungen konzentrieren sich auf den
einzelnen Menschen und Einzelschicksale, stellen diese in den Mittelpunkt des
Geschehens. Es muss sich ferner um wahre Geschichten handeln, die möglichst
Live Charakter haben sollen. Schließlich geht es immer um private, zwischenmenschliche
Angelegenheiten, bei denen immer die emotionalen Seiten der Geschichten in den
Vordergrund gestellt werden. In den Sendungen müssen Gefühle nicht wirklich
intensiv erlebt werden, es reicht völlig, wenn sie überzeugend
dargestellt werden. Und vor allem geht es darum, dass Gefühle Gewinn bringend
verkauft werden.
So werden diese für kommerzielle Zwecke instrumentalisiert. Statt
selber zu fühlen lässt der Zuschauer fühlen. Statt selber Liebe, Sehnsucht, Eifersucht
und die damit verbundenen Freunden und Schmerzen zu erleben und bewältigen zu lernen,
findet ein Erleben
aus zweiter Hand
statt. Dass dies
zentrale Auswirkungen auf
die Gestaltung von
nahen Beziehungen wie
in Ehe und Familie oder Nachbarschaft
haben, liegt auf der Hand.
Der Autor zeigt
auf, wie bereits durch früherer
Erfahrungen in der
Kindheit, hierbei
insbesondere durch inszenierten Übertreibungen in Problemsituationen
auf Grund mangelnder
Zuwendung, ein histrionischer
Charakter angelegt wird, der durch das in den Medien produzierte intensiv
sich verstärkt.
Und so heißt dann der neue Sozialcharakter dieses intensiven
Einflusses „Histro“. Aber nicht
nur dieser Einfluss
wird beleuchtet, auch
die Rolle des Fernsehens als heimlicher
Erzieher oder die
Auswirkungen des Lernens am Modell werden mit
aktuellen Studien belegt. So können etwa ähnlich hohe Zusammenhänge zwischen aggressivem
Verhalten männlicher heranwachsender Jugendlicher und deren
Anschauens gewalttätiger Spielfilme gezogen werden, wie zwischen dem Zusammenhang zwischen
Rauchen und Lungenkrebs.
Beratung versteht sich immer auch als Vermittlung von Werten. Dieses Buch lässt viele Schwierigkeiten und Probleme
zwischen Eltern und
Kindern oder zwischen
Partnern untereinander in einem ganz neuen Blick erscheinen. Es liegt in der Hand von Eltern, von Beziehungspartnern wie
sie ihr Miteinander
emotional befriedigend gestalten können. Das
Fernsehen dabei aus
dem Wohnzimmer in
den Keller oder ganz aus dem Haus zu verbannen, kann dazu ein wichtiger Meilenstein
sein.
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